und jetzt?
Standorte & Arbeiten
Nach den Correctiv-Recherchen über Deportationspläne und den großen Reaktionen auf der Straße fragten wir uns: „und jetzt?“. In einem Workshop im Rahmen des f/stop-Festivals haben Lislesso, Luki Stüwe, Feydrea Vialista und Frieder Bickhardt auf Plakaten weiter gedacht.
An vier Wochenenden haben wir uns mit der politischen Lage in Deutschland ausseinandergesetzt. Die ersten Wochenenden haben wir uns getroffen und uns als Gruppe zusammen gefunden. Wer sind wir? Aus welchen Perspektiven reden wir? Wir haben Texte gelesen, diskutiert und haben einen Weg gefunden unsere verschiedenen Perspektiven zusammen zu bringen. Die letzten Wochenenden haben wir unsere Plakat Ideen umgesetzt. Die Idee war es an drei verschiedenen Standorten drei Perspektiven Raum zu geben. Die daraus entstandenen Plakate findet ihr hier.
Standorte & Arbeiten
Plakatpräsentation am 09.06.2024
12:00 Kaufhaus Held, Lützner Straße / Ecke Merseburger Straße
13:30 Windmühlenstr. / Ecke Emilienstraße
15:00 Moritzbastei, Kurt-Masur-Platz
Plakat von Lislesso und Luki Stüwe
Kaufhaus Held, Lützner Straße Ecke Merseburger Straße
Es ist eine Herausforderung, sich in einer Welt, die heteronormativ geprägt ist, als queere Person dazugehörig zu fühlen. Sich nicht zu viel zu fühlen. In Zeiten, in denen queeres Leben der Politik immer mehr ein Dorn im Auge ist und queere feministische Räume zunehmend gefährdet sind, ist es umso wichtiger, queeren Perspektiven Raum und Gehör zu geben. Oder einfach Platz, um sich zu zeigen. Unsere Arbeit soll Mut machen und zeigen, dass es Raum für queere Stimmen gibt. In einer Welt, die oft versucht, uns zum Schweigen zu bringen, ist es umso wichtiger, dass wir unsere Geschichten erzählen.
Be loud, be queer!
Die sich dreimal wiederholenden Fotografien zeigen zwei anonymisierte queere Körper, die verschiedene Identitäten performieren. Diese Körper inszenieren sich selbst und provozieren uns dazu, unsere tief verwurzelten Normen zu überdenken und zu erforschen, wie diese Normen in die Körper eingebettet sind. Die Körper bewegen sich stets im gleichen Privatraum und stehen in einer intimen Beziehung zueinander. Die Fotografien der Körper ermöglichen das Private zu politisieren und im öffentlichen Kontext Raum einzunehmen, der in unserer unterdrückenden Gesellschaft nur selten für queere Identitäten geschaffen wird. Das Abbild des Fernauslösers verdeutlicht die Macht, die die Körper sich zurückerobern, den Blick auf sich selbst zu bestimmen und diesen im Blick der Kamera zu manifestieren.
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Das Bild zeigt ein Auge, angestrahlt von rotem Licht. Wohin es schaut, weiß ich nicht, aber das ist auch nicht wichtig. Es ist der Moment des Blickes, der etwas fixiert und für einen kurzen Moment festhält, bevor alles wieder weitergeht. Der Blick ist wie eine Hülle der Ungewissheit. So schnell ich es erkenne und scharfstelle, so schnell ist es dann auch schon wieder weg.
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Zu sehen ist eine umgedrehte Person. Es vermittelt das Gefühl, nicht reinzupassen und sich im Kreis zu drehen in einer Welt, in der es keinen Ausweg zu geben scheint. Man weiß nicht mehr, wo oben und unten ist, fühlt sich nicht richtig im eigenen Körper und nicht richtig in der Welt, in der man groß geworden ist. Es symbolisiert ein ständiges Suchen nach etwas, aber auch das Nicht-Finden-Können in dem, was bereits da ist.
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Die Bilder zeigen eine Fusion aus den Arbeiten beider Fotograf*innen. Durch Collagentechniken werden die Bilder neu inszeniert und interpretiert. Die Arbeit vereint zwei Werke, die sich ergänzen und zu Einem werden, aber dennoch auch unabhängig voneinander bestehen können.
Gegen das Schweigen
Von Luki Stüwe @luki_stuewe
Seit ein paar Jahren ist ein gesellschaftlicher und auch politischer Umschwung in Deutschland nach rechts zu spüren. Spätestens nach der Wahl eines AfD-Politikers als Landrat in Sonneberg (Thüringen) ist klar, wie allgegenwärtig und präsent rechte Stimmen in Deutschland wieder sind. Besonders stark zu spüren ist dies in den letzten 4 Jahren.
Die AfD, Freien Wähler und andere rechtskonservative Parteien legten in allen Wahlkreisen bis zu 10 Prozent zu und verdrängten in vielen Teilen Deutschlands linke und liberalere Parteien aus Landtagen und Bezirks ausschüssen. Neben der offenen rassistischen Politik, die diese Parteien fahren, haben sie auch eine starke Meinung zum queeren Leben. Im Grundsatzprogramm der AfD zum Beispiel stellt sie ganz klassisch Vater, Mutter und Kind ins Zentrum ihrer Familienpolitik und warnt davor, das traditionelle Familienbild zu zerstören. An der Schule lehnt sie die „einseitige Hervorhebung der Homo- und Transsexualität im Unterricht“ ab; Kinder dürften nicht „zum Spielball der sexuellen Neigungen einer lauten Minderheit werden“. Sie wirbt mit der Abschaffung des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)“ und der „Ehe für Alle“.
Was diese Politik für das Leben von Menschen mit Migrationsgeschichte und/oder queeren Personen bedeutet, zeigen die neuen bundesweiten Fallzahlen für politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2023, die offenlegen, dass Gewalt gegen Personen der LGBTQI+ Community sich in den letzten 2 Jahren verdoppelt hat, tendenziell steigend.
Deshalb trifft sich Luki seit einem Jahr mit queeren Personen und beleuchtet Fragen zu ihrer aktuellen Lage, Sorgen, Hoffnungen, Verbindungen zur Gemeinschaft sowie fehlende Elemente in ihrem Umfeld. Durch fotografische und filmische Explorationen erforscht Luki, wie es den Personen in ihren spezifischen Lebenssituationen geht. Ein zentrales Anliegen dieser Arbeit besteht darin, queeren Personen eine Plattform zu bieten und im Austausch zu stehen, um deren individuelle Perspektiven einzufangen und zu vermitteln.








Queering the body
Von Lislesso
Die im Kollektiv entstandenen Fotografien von Lislesso zeigen zwei queere Körper, die sich inszenieren und verschiedene Identitäten eigenständig performieren. Die Körper konfrontieren uns mit den von uns verinnerlichten Normen und suchen danach, wie diese Normen in die Körper eingeschrieben sind.
Die abgebildeten Körper brechen mit den Erwartungen einer cis- und heteronormativen Gesellschaft und verwirren bei der Betrachtung aus eben dieser Perspektive, indem sie die Vielschichtigkeit von Körpern verdeutlichen. Sie betonen Körper als komplexe Einheiten und stellen die starren Klassifizierungen von Körpern in Binaritäten in Frage. Durch die Darstellung dieser Einordnung als fluide, lösen sich die Kategorien allmählich auf.
Gewalt gegen queere Menschen existiert und steigt weiter an. Um die Körper und deren Identitäten zu schützen, wurde die Entscheidung getroffen, die Fotografien zu anonymisieren.



Was kostet das? (2024) - DE
Von Feydrea Vialista – Windmühlenstr. / Ecke Emilienstraße
Was kostet es, eine dynamische, offene Gesellschaft zu gestalten? Eine Utopie, die uns als Gesellschaft nicht Alles, sondern Nichts abverlangt, wird abgebildet. Eine Anspielung an das Medium Plakat, was mit Werbung und Kapitalismus eng verbunden ist. Oben steht “Hier mieten”, was kostet das? Hier gibt es Kaffee und Kuchen, was kostet das?
Partizipation und Performatives
Markttag. Kulturen und soziale Schichten treffen aufeinander. Junge Familien erledigen ihre Einkäufe, während der Backfischstand seinen Duft verbreitet. Türkische Obsthändler verteilen ihre letzten Erdbeeren.
Zwei Personen richten fast unbemerkt einen Biertisch und Bänke ein. Eine gelb-grüne Tischdecke wird aufgeklappt, der Tisch wird gedeckt. Verschiedene Süßigkeiten laden Passanten ein. Die Tischdecke verändert ständig ihre Farbe. Haben Sie Lust auf Kaffee und Kuchen mit uns?
Essen um den Tisch
Das Plakat bildet eine vorher stattfindende Aktion am Lindenauer Markt ab, die das Thema „Zusammenkommen am Tisch“ behandelt.
Essen ist ein universeller Bestandteil unseres Alltags. Es ist nicht nur eine Grundbedingung des Lebens, sondern auch tief mit Kultur, Migration und Transformation verbunden. Das Teilen von Mahlzeiten am Tisch fördert das Zusammenkommen. Der Tisch wird zum Ort der Mediation, Diskussion und Konfliktlösung. Mit Essen als Medium schaffen wir eine Plattform, die Kunst für alle zugänglich und offen macht. Der Moment des gemeinsamen Essens hinterlässt kollektive Erinnerungen.
Belichtung auf der Tischdecke


Wie flüchtig ist der geteilte Moment. Wie flüchtig erscheinen unsere Handlungen.
Die Tischdecke, getränkt in Cyanotypie, einer historischen fotografischen Technik, zeichnet unter Sonneneinstrahlung Spuren der Begegnungen und Bewegungen der Objekte nach. Diese Spuren erzählen Geschichten und verdeutlichen die Zeitlichkeit der Dinge. Wir sind eine Gesellschaft, die sich immer wieder verändert und die sich ständig verändern muss. Aber wie stark hinterlassen wir Spuren, wenn wir nicht aktiv werden, nach unserer idealen Zukunft zu streben?
Kann das preußisch-blaue Tuch als Archiv des Moments, Belichtung des vergessenen Alltags oder als Blaupause der Zukunft fungieren?
Das Gespräch
Heimat. Lebenssituation. Alltag. Veränderung. Vom Misstrauen zum Willkommensgefühl.
Was kostet das?
Wo ist der Haken?
Wollen wir es anders machen? Aber wie?
Wir blenden uns ein. Wir gehören langsam dazu.
Die Tischdecke wird bronze-grau. Es ist Zeit abzubauen und den Stoff zu entwickeln.
What Does It Cost? (2024) - EN
by Feydrea Vialista – Windmühlenstr. / Corner Emilienstraße
What does it cost to become a dynamic, open society? A utopia that demands nothing from us as a society is depicted. It alludes to the medium of posters, which are closely tied to advertising and capitalism. At the top, it says „Rent Here,“ what does that cost? Here, there is coffee and cake, what does that cost?
Participation and Performance
Market day. Cultures and social classes collide. Young families do their shopping, while the smell of fried fish fills the air. Turkish fruit vendors distribute their remaining strawberries.
Two people set up a beer table and benches unannounced. A yellow-green tablecloth is unfolded, the table is set. Various sweets invite passersby. The tablecloth constantly changes color. Would you like some coffee and cake?
Food Around the Table
The poster represents a previous event at Lindenauer Markt, focusing on the theme of coming together at the table.
Food is a universal part of our daily lives. It is not only a fundamental necessity of life but is also deeply connected with culture, migration, and transformation. Sharing meals at the table promotes togetherness. The table becomes a place for mediation, discussion, and conflict resolution. Using food as a medium, we create a platform that makes art accessible and open to everyone. The moment of sharing food leaves collective memories.
Exposure on the Tablecloth


How fleeting is the shared moment. How transient our actions appear.
The tablecloth, soaked in cyanotype, a historical photographic emulsion, records the traces of encounters and movements of objects under sunlight. These traces tell stories and highlight the temporality of things. We are a society that must constantly change. But how strongly do we have to leave traces if we want to persist in striving for our ideal future?
Can the Prussian blue cloth serve as an archive of the moment, an exposure of forgotten everyday life, or a blueprint for the future?
The Conversation
Homeland. Life situation. Everyday life. Change. From distrust to a feeling of welcome.
What does it cost?
Where is the catch?
Do we want to do it differently? But how?
We blend in. We gradually belong.
The tablecloth turns bronze-gray. It’s time to pack up and develop the cloth.
Plakate an der Moritzbastei
Von Frieder Bickhardt – Moritzbastei
Disclaimer:
Die Arbeit richtet sich an privilegierte Menschen.
Die Slogans als Polemik in Textform:
Es gibt sie nicht – eure verdammte Brandmauer. Klar – die AfD ist gefährlich und schon allein aus patriarchatskritischer Sicht komplett abzulehnen. Sie ist aber schon lange nicht mehr das grundsätzliche Problem.
Das Problem seid ihr – wenn ihr rechtsextreme Politik umsetzt, z.B in der europaweiten Migrationspolitik.
Das Problem seid ihr – wenn ihr privilegiert seid und euch nicht einmischt.
Das Problem seid ihr – wenn ihr vorbei geht an den rassistischen Polizeikontrollen.
Das Problem seid ihr – wenn ihr nichts sagt, wenn queere Menschen angepöbelt werden.
Das Problem seid ihr – wenn es euch egal ist, dass jüdische Menschen wieder Angst haben müssen jüdisch zu sein in diesem Land.
Das Problem seid ihr – wenn ihr glaubt, dass eine Regierung / eine Armee Kriegsverbrechen begehen darf, um andere Kriegsverbrecher zu zerstören.
Das Problem seid ihr – denn dann nutzt ihr euer Privileg, nicht betroffen zu sein.
Prozess:
Ich mache im allgemeinen gerne fotografische Arbeiten, die zum Nachdenken einladen, die den Betrachter*innen entgegen kommen, sie abholen, Impulse geben sollen und im besten Fall zum Austausch und Gespräch führen.
Im Laufe des Workshops habe ich gemerkt, wie wütend ich bin – über diese Scheinheiligkeit, über diese übertriebene Selfcare-Sucht meiner eigenen sozialen Bubble.
Und dann war die Entscheidung klar: Plakate sind polemisch, spitzen zu und sind laut. Scheiß auf Stuhlkreis, Gespräch und Austausch: Heute will ich euch einfach nur boxen, Macker!
Ich bin mega privilegiert (cis/weiß/Mann/konnte studieren, und zwar was ich wollte/werde erben) und ich nutze diese Privilegien: auch ich bin oft überladen mit Arbeit, überfordert von den Zuständen in dieser abgefuckten Welt, enttäuscht von dieser Gesellschaft. Und mache: nix.
Mit dieser Arbeit boxe ich mich also auch selber: ich will meinen inneren Macker töten. Das soll ein weiterer Schritt in diese Richtung sein. Und den mach ich öffentlich. Als eine Art Flucht nach vorn sozusagen.