Ausblick aus Haus 23 auf den Eingangsbereich der Erstaufnahmeeinrichtung. 2015 wurde nach einem gewaltvoll eskalierten Streit um eine Koranverbrennung zunächst ein provisorischer Bauzaun um das Lager gebaut, seit 2016 gibt es einen geschlossenen Zaun mit Wachhaus. Dieses wurde im Laufe der Zeit immer stärker erweitert.
Viele der Bewohner*innen schlagen auf dem Außengelände, in ihren Zimmern oder im Zentrum die Zeit tot, da sie weder arbeiten dürfen, obwohl sie teilweise hochqualifiziert sind, noch sich außerhalb der Einrichtung ehrenamtlich betätigen dürfen, wie M. im Interview auf S. 27 kritisiert.
»Ich glaube jeder Deutsche, der in so einer Situation leben würde, der würde durchdrehen. Der würde es nicht lange ertragen. Aber die Menschen dort haben Angst.«
Gespräch mit Reinhard Hotop, behördenunabhängiger Asylverfahrensberater
Lena Kannst du dich erst einmal kurz vorstellen?
Reinhard Ich bin Reinhard. Ich wohne in einem kleinen Ortsteil von Schleusingen. Ich bin 60 Jahre alt und ich bin Mitarbeiter vom Evangelischen Migrationsdienst. Das ist ein Projekt des Evangelischen Kirchenkreises Henneberger Land in Suhl.
Lena Wie ist dein Bezug zu Suhl?
Reinhard Ich arbeite in der EAE in Suhl, und zwar mit einer Kollegin. Zusammen machen wir in der EAE behördenunabhängige Asylverfahrens-Beratungen. Das heißt, wir unterstützen und beraten geflüchtete Menschen. Eine wichtige Aufgabe ist die Vorbereitung auf die Anhörung im Asylverfahren. Aber wir werden natürlich auch mit allen Problemen konfrontiert, mit denen die Menschen in der EAE konfrontiert sind. Ganz akut sind immer wieder Probleme mit dem Transfer. Wenn die Menschen auf die Landkreise in Thüringen verteilt werden, gibt es immer wieder große Konflikte und Probleme, wenn Familien getrennt werden, oder wenn Menschen, die gesundheitliche Probleme haben, einfach nicht verteilt werden; monatelang in Suhl festsitzen. Das ist so ein ganz typischer Punkt, wo wir immer wieder angesprochen werden. Und wir können relativ wenig bewirken an der Stelle.
Lena Was macht es noch anstrengend für die Menschen, in der EAE zu leben?
Reinhard Wenn Geflüchtete in Suhl ankommen, dann macht schon der Eingang der EAE einen komplett verwahrlosten Eindruck. Da liegt der Müll rum, die Straße ist kaputt. Dann kommen sie vorne an der Wache an und je nachdem, wer gerade Dienst hat, werden sie da zum größten Teil sehr freundlich empfangen durch die Mitarbeitenden. Aber es gibt auch leider Mitarbeiter, die sich dort wie verrückt aufspielen. Die Leute werden da teilweise im Regen stehen gelassen. Über Stunden. Es wird mit ihnen auf eine Art und Weise geredet, die völlig inakzeptabel ist. Die werden angegangen, angebrüllt, teilweise.
Dann kommen sie in die Unterkünfte. Die Zimmer sind, ich sage es mal vorsichtig, sehr ernüchternd. Also kahle Zimmer. Also da ist auch nichts an freundlicher Atmosphäre.
Dann laufen die Prozesse im Asylverfahren und das ist für die Geflüchteten völlig undurchschaubar, was da mit ihnen passiert. Und es wird wenig Wert darauf gelegt, das transparent zu machen. Das macht es einfach für die Geflüchteten anstrengend.
Natürlich gibt es auch Konflikte untereinander. Dann gibt es immer wieder Feueralarm: irgendjemand dreht durch und drückt einen Feueralarm und dann werden die Leute nachts um drei aus den Betten, aus den Häusern rausgeschmissen. Und das passiert meistens auf eine ziemlich unsanfte Art und Weise. In einer Sondersituation bin ich sowieso, weil ich auf der Flucht bin und einfach überhaupt nicht weiß, wie es weitergeht. Und dann komme ich dazu in solche ziemlich unmöglichen Zustände, und das lässt die Leute verzweifeln.
»In einer Sondersituation bin ich sowieso, weil ich
auf der Flucht bin und einfach überhaupt nicht weiß, wie es weitergeht. Und dann komme ich dazu in
solche ziemlich unmöglichen Zustände, und das
lässt die Leute verzweifeln.«
Die EAE in Suhl ist eine Schande für Thüringen. Ich habe oft gesagt: das, was dort passiert, widerspricht eklatant dem Paragrafen eins des Grundgesetzes: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Von Würde des Menschen kann dort überhaupt keine Rede mehr sein. Die Zustände sind so furchtbar und das schon seit Jahren. Und wir haben eine rot-rot-grüne Regierung in Thüringen und die kriegt das einfach nicht in den Griff, die Einrichtung zumindest so zu gestalten, dass sie funktioniert. Es funktioniert einfach nichts.
Wenn Menschen in ungewisse Situationen kommen – und das Asylverfahren ist so eine Situation, wo ich hochgradig verunsichert bin – dann sind Informationen für mich wirklich extrem wichtig. Gerade auch, was den Ablauf des Asylverfahrens betrifft. Auch wenn ich den Wunsch habe, in eine bestimmte Stadt transferiert zu werden. Es gibt Tausende von Gründen, warum Menschen Auskunft brauchen zu ihrer persönlichen Lage, in der sie sind. Und das wird permanent vom Landesverwaltungsamt verweigert. Wir fordern seit Jahren Sprechzeiten für Geflüchtete, dass einfach Auskunft gegeben wird über die Abläufe. Das wird verweigert. Wir kritisieren das seit Jahren sehr, sehr konkret, was sich verbessern muss und was überhaupt nicht funktioniert. Also ich mache es an Beispielen fest:
Frauen, die auf der Flucht oder in ihrem Herkunftsland vergewaltigt wurden, die haben wirklich großes Bedürfnis nach persönlicher Sicherheit. Die sitzen dort in Zimmern in dem sogenannten Familienhaus, wo natürlich auch ohne Ende Männer sind. Und die Zimmer sind nicht abschließbar, die Zimmertüren sind nicht abschließbar, die können Tag und Nacht nicht schlafen. Vor Jahren ist dort schon eine elektronische Schlossanlage eingebaut worden, sodass man eigentlich sagt, jetzt könnten dort die Zimmer verschlossen werden. Wird einfach nicht umgesetzt; die Zimmer sind nach wie vor nicht verschließbar. Wir fordern seit Jahren, dass in den Wohnblocks, die da relativ dicht zusammenstehen, wo man von einem Block in den anderen in die Fenster reingucken kann, dass man da eine Privatsphäre hat mit einem Sichtschutz – wird nicht umgesetzt. Medizinische Versorgung ist ein Riesenproblem. Also es wäre akzeptabel, wenn es nur eine medizinische Grundversorgung gibt, wenn die Geflüchteten nur relativ kurze Zeit in der EAE wären. Also es ist ja eigentlich so die Rede von 6 bis 8 Wochen maximal. Es laufen aber Leute in der EAE rum, die sind seit 9 Monaten dort und wenn diese Menschen dann gesundheitliche Probleme haben und es gibt keine adäquate therapeutische Behandlung, dann ist das ein Problem.
Das sind so ganz, ganz fundamentale menschliche Bedürfnisse, die da einfach nicht befriedigt werden. Wo ich sage: Leute, so geht es doch nicht.
Lena Wie gehst du damit um, wenn dir solche Sachen erzählt werden?
Reinhard Es ist emotional schon eine ziemliche Herausforderung. Wir hören auch oft furchtbare Geschichten, was die Leute auf der Flucht erlebt haben.
Wir sind die einzige Stelle, die sich Zeit nimmt mit den Leuten ordentlich zu reden, für mehr als fünf Minuten. Wir haben unser Beratungs-Büro extra so eingerichtet, dass man sich da wohlfühlen kann, anders als alle anderen Räume in der gesamten EAE. Wir haben Pflanzen drinstehen und ein Sofa. Wir haben auch Spielzeug für die Kinder und ein großer Teddybär sitzt auf dem Sofa. Einfach so, dass eine entspannte Atmosphäre entsteht. Wir schalten über Video Dolmetscher zu, so dass wir auch die Gewissheit haben, dass wir hochwertige und qualifizierte Dolmetscher*innen in jeder Sprache haben. Wir haben dann im Normalfall 45 Minuten Zeit und da hören wir dann natürlich auch über die ganzen Missstände in der EAE. Und wir können das ja auch bestätigen. Wir erleben ja auch, wie übergriffig die Security teilweise agiert und wir versuchen das dann weiterzugeben. Es ist eine Menge passiert, es haben auch Leute ihren Job verloren, das muss man auch sagen. Da ist durchgegriffen worden. Aber es ist natürlich immer noch nicht ausreichend.
Und das übergriffige Verhalten finden wir nicht nur bei der Security, das finden wir auch bei Mitarbeitenden vom Sozialdienst und noch viel mehr bei Mitarbeitenden vom Landesverwaltungsamt. Das ist ja eine Verwaltungsbehörde, die über das Leben der Menschen dort bestimmt. Es gab eine große Glastür zu dem Bereich vom Landesverwaltungsamt, die ist mit Folie abgeklebt worden. Dann ist noch so ein kleines Guck-Fensterchen, das ist auch noch mit einem Papier zugehängt. Wenn man da klingelt, wird kurz das Papier gelüftet und dann wird geguckt, wer denn da vor der Tür steht. Entweder es wird gar nicht aufgemacht oder man wird irgendwie angefahren, was man denn wolle. Wenn wir manchmal beobachten, wie da mit Geflüchteten umgegangen wird; das ist hanebüchen, menschenverachtend und übel.
Das ist unkontrollierte Macht, die sie über die Menschen haben. Und solange wie diese Machtausübung unkontrolliert bleibt, wird es Machtmissbrauch geben. Und das ist ein großes Leitungs-Problem auf allen Ebenen.
Lena Wenn ihr die Zustände als Migrationsdienst kritisiert habt, welche Reaktionen gab es da?
Reinhard Als ich angefangen habe 2017, da gab es einen »Runden Tisch« und da wurde Tacheles geredet, da wurde auch offen kritisiert. Man wusste, dass Probleme besprochen werden konnten. Das ist dann irgendwann abgewürgt worden. Das fand nicht mehr statt. Wir haben immer und immer wieder gesagt: »Wir möchten gerne, dass es den ›Runden Tisch‹ wieder gibt.« Irgendwann hieß es dann, »Na ja, dann macht ihr’s doch, wenn ihr es so gerne haben wollt.« Das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe gewesen, aber ich habe mir den Hut aufgesetzt, habe die sogenannten Dienstleister an einen Tisch geholt, zusammen mit dem Flüchtlingsrat, auch mit der Mitarbeiterin vom BIMF, der Ausländerbeauftragten der Landesregierung. Und wir haben in etlichen Treffen eine Art Mängelliste erarbeitet, mit ganz, ganz konkreten Punkten. Wir haben das immer wieder an alle möglichen Stellen verteilt, dieses Papier, seit Jahren. Ich habe es jetzt im Januar/Februar noch mal aktualisiert und ins Ministerium gegeben, an die entsprechenden Entscheidungsstellen. Ich weiß, dass daran gearbeitet wird, aber ich sehe eigentlich nicht, dass da irgendwo Verbesserungen stattfinden und das kann jetzt nicht mehr über die Monate hinweg gezerrt werden. Den Leuten geht es schlecht da oben! Und ich wundere mich immer, warum da nicht viel mehr Konflikte entstehen und eskalieren. Ich kann da immer nur staunen, wie friedlich die Menschen sind, die da leben. Ich glaube jeder Deutsche, der in so einer Situation leben würde, der würde durchdrehen. Der würde es nicht lange ertragen. Aber die Menschen dort haben Angst. Die haben Angst, irgendwas falsch zu machen. Wir haben mittlerweile stapelweise die Beschwerden von den Geflüchteten, geben die auch regelmäßig weiter. Das Problem ist nur, wir haben es mehrmals schon erlebt: Wenn jemand sich beschwert hat über die Zustände oder die Security, dann kriegt er das am nächsten Tag sofort zu spüren und wird extra noch mal drangsaliert. Die sind der Security ausgeliefert. Und das spricht sich rum.
Lena Du hast gesagt, dass ihr eine Mängelliste eingereicht habt. Werdet ihr sonst noch in die Problemlösung einbezogen?
Reinhard Es gibt immer dienstags eine interne Orga-Runde, wo der Leiter vom Landesverwaltungsamt, die Dienstleister, die in der EAE tätig sind, einlädt. Dazu werden wir aber nicht eingeladen. Wir fordern seit langem Kanäle, um die Probleme an die entsprechenden Stellen herantragen zu können. Das wird verweigert und ich kann mir da nur einen Reim drauf machen: Man will das einfach nicht. Also die Strukturen sind eigentlich so verheerend in der ganzen Einrichtung, dass natürlich alles, was aufgedeckt wird, hoch peinlich ist. Und wir sind dort immer diejenigen, die den Finger in die Wunde legen und sagen: »So geht das nicht!« Man holt sich natürlich nicht die Fritzen an den Tisch, die auf die Probleme deutlich hinweisen. Deswegen haben wir irgendwann auch die Entscheidung getroffen, dass wir die Probleme in der Öffentlichkeit ansprechen. Wenn ich durch Medien angefragt werde, gebe ich Auskunft über die Zustände.
Lena Aus deiner Sicht, wie werden die Geflüchteten in der Stadt wahrgenommen?
Reinhard Es gab in der Stadt Suhl relativ lange eigentlich keine großen Akzeptanzprobleme für die EAE. Das hat dann angefangen, wirklich richtig problematisch zu werden, durch organisierte Kriminalität – man muss es leider wirklich so sagen. Es sind Leute als scheinbare Flüchtlinge nach Suhl geschickt worden, die den Auftrag hatten, in den Wohngebieten die Häuser aufzubrechen und Diebstähle zu machen. Und das hat bei den Anwohnern und gerade da oben um die EAE herum zu einer extremen Verunsicherung geführt. Das kann ich absolut nachvollziehen und das geht auch nicht. Die Polizei hat da adäquat drauf reagiert. Die haben das relativ schnell ermittelt, die haben das abgestellt. Seitdem ist nach meiner Kenntnis nicht wirklich wieder was passiert. Aber seit dieser Zeit gibt es ein Akzeptanzproblem und die Schlagzeilen, die in der Presse auftauchen, führen nicht dazu, dass die Akzeptanz erhöht wird in der Bevölkerung. Also man hört ständig von Gewalt, dass die Feuermelder losgehen. Es sind permanent negative Nachrichten über die EAE und natürlich sagen die Leute: »Was soll denn das? Das kann doch nicht sein.«
Der Oberbürgermeister von Suhl hat mittlerweile eine sehr konstruktive Haltung eingenommen. Zu Anfang habe ich sein Agieren kritisch gesehen, weil er diese Anti-Stimmung gegen die EAE aufgenommen hat. Ich glaube, er hat damit auch seine Wahl gewonnen als Oberbürgermeister.
Mittlerweile kritisiert der Oberbürgermeister sehr, sehr vehement die Missstände in der EAE. Weil er kriegt das natürlich auch mit: Die Geflüchteten halten sich auch in der Stadt auf, weil die Zustände in der EAE so sind, wie sie sind. Und wenn ich als Geflüchteter wie Scheiße behandelt werde, sehe ich überhaupt keine Veranlassung irgendwo rücksichtsvoll zu sein, oder?
Lena Wie ist die Debatte um die EAE, wenn du das mitbekommst?
Reinhard Ich kriege es auf der politischen Ebene mit, dass zum Beispiel die Mitglieder im Stadtrat da sehr klar in ihrer Haltung sind, die sagen, die Missstände müssen abgestellt werden. Und das ist eine konstruktive Haltung, die teile ich. Das geht auch quer durch die Parteien. In der Bevölkerung entsteht natürlich auch eine rassistische, fremdenfeindliche Debatte. Die sehe ich auf der politischen Ebene in Suhl nicht so extrem. Bis auf die entsprechenden Parteien, die das natürlich aufgreifen.
Lena Wenn du mitbekommst, dass sich Menschen in Suhl darüber unterhalten, wie mischst du dich ein?
Reinhard Mir gegenüber werden solche Sachen nicht geäußert. Weil alle wissen natürlich, ich arbeite da und ich werde da auch sofort intervenieren, wenn irgendwie so was losgeht. Wenn ich solche Meinungen höre, rechtsextreme Meinungen, erzähle ich, wie bereichernd das für mein Leben ist, mit Menschen aus anderen Ländern zusammenzukommen. Wenn ich die Geschichten höre, wie es in anderen Ländern ist, wie ich da auch mein eigenes Land auf einmal zu schätzen weiß, wo die Korruption kaum eine Rolle spielt, wo es ein funktionierendes Rechtssystem, funktionierendes Sozialsystem gibt. Ich merke dann, wie reich und wie beschenkt wir eigentlich unser Leben führen können. Und das versuche ich dann auch immer wieder zu transportieren, dass da eben wirklich Menschen kommen aus furchtbaren Verhältnissen: Wir haben eine Flüchtlings-Anerkennungsquote von über 70 %, wenn man die Dublin-Fälle herausrechnet und dergleichen. Die Menschen, die da kommen, sind zum großen Teil schutzberechtigt.
»Wenn ich als Geflüchteter wie Scheiße behandelt werde, sehe ich überhaupt keine Veranlassung
irgendwo rücksichtsvoll zu sein, oder?«
Die Begegnungen mit Menschen in der EAE, ich empfinde das für mich als riesengroßen Gewinn. Ich habe eine hohe Wirksamkeit, wenn ich Menschen dort freundlich begegne und die sagen mir hinterher: »Das war das erste Mal, seitdem ich in Deutschland bin, dass jemand freundlich mit mir gesprochen hat.« Die weinen und gehen hinterher einfach glücklicher raus. Die haben zumindest mal eine halbe Stunde Menschlichkeit erlebt. Das tut mir gut, wenn ich merke, wie ich anderen Menschen guttun kann vor Ort. Wir versuchen als evangelischer Migrationsdienst auch immer, Lebensschicksale von Menschen, die da gekommen sind, einfach mal bekannt zu machen. Es sind viele Ehrenamtliche, die seit 2015 da oben in der Teestube arbeiten, vier Tage in der Woche, zwei Stunden am Nachmittag. Man muss solche Dinge auch einfach nach vorne stellen. Dass auch einfach gemerkt wird: das ist nicht alles schlimm, was da oben ist.
Wenn die Teestube öffnet, kommen die Geflüchteten aus der EAE hin, bekommen dort Kaffee, Tee und ein bisschen Gebäck. Und es besteht die Möglichkeit, mit »Biodeutschen«, also mit den Ehrenamtlichen, ins Gespräch zu kommen und sich zu begegnen. Und als ich noch die Leitung in der Teestube hatte, haben wir oft Musik gemacht und das hat total viel Spaß gemacht. Alle haben gesagt, sowohl die Geflüchteten als auch die Ehrenamtlichen: »Das ist so schön, das ist so bereichernd, diese Begegnungen«. Und ich wünsche das wirklich vielen Menschen.
Lena Ich frage mich manchmal, was das eigene Aufwachsen mit der eigenen Haltung zu tun hat. Wie war das bei dir?
Reinhard In meiner Klasse waren alles Kinder aus Schleusingen und den Dörfern ringsrum. Und natürlich alle weiß, deutschsprachig, also eine relativ homogene Schulklasse. Und das zog sich durch die ganze Gesellschaft. Wir hatten keinen Kontakt mit Ausländern. Es gab Vietnamesen, die arbeiteten im Glaswerk in Schleusingen, die wohnten in einem eigenen Block für sich, mit denen hatte man keinerlei Berührungspunkte. Wenn mal ein Schwarzer Mensch im Schwimmbad aufgetaucht ist, da standen alle da und glotzten. Also das ist schon so, die Angst vor dem Fremden ist auch dadurch produziert, weil man einfach keine Erfahrungen damit hat. Ich bin weggegangen zum Studium, habe viele Menschen aus anderen Ländern kennen gelernt, habe andere Bezüge kennengelernt. Ich glaube, das hat bei mir eine Menge gemacht. Und meine Familie, in der ich aufgewachsen bin, die war eigentlich immer schon ein bisschen aufgeschlossener, glaube ich, als die übliche Landbevölkerung, die wir haben. Die sind sprichwörtlich »an die Scholle gebunden« oder »gut geerdet« – was ich nicht schlechtreden möchte. Ich wünschte mir aber ein bisschen mehr Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen, die zu uns kommen.
Lena Wenn ich die medialen Debatten um die EAE verfolge, kommt es mir vor, als ob es für einige nicht mehr möglich ist, eine andere Perspektive einzunehmen.
Reinhard Ich habe das als ein Riesenproblem wahrgenommen, in Bezug auf Themen im Umfeld von Migration, dass einfach nicht miteinander gesprochen wird. Ich finde, in Suhl sollte ein Bürgerdialog vielleicht wirklich in der Kirche stattfinden. Das ist ein Ort, wo zumindest ein bestimmter Respekt ist, wo man eben nicht verbal aufeinander eindrischt wie verrückt. Wir brauchen Gespräche mit einer guten Moderation, die auch persönliche Angriffe unterbindet. Und dann Fakten, Vermittlung und Hören auf die Position des anderen. Ich glaube, da lässt man ganz viel Luft aus dieser hochgeschaukelten, aufgeblasenen Debatte raus. Ist bisher leider nicht passiert. Das wäre auch eine Aufgabe der Politik.
Ich bin ausgebildeter Demokratie-Berater und habe das richtig gelernt mit Moderieren und dergleichen. Ich biete gerne auch immer mal an, so was zu machen. Ich finde auch, die Kirche ist da in der Pflicht, so ein Podium anzubieten. Die evangelische Kirche hat durch die Wende-Ereignisse 1990 eine relativ hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, wenn es darum geht, solche gesellschaftlichen Prozesse anzufassen.
Da oben auf dem Friedberg sind die Menschen so abgetrennt. Ich würde auch viel öfter mal möglich machen, dass Außenstehende dort einen Rundgang machen und sich angucken: wie leben die Menschen dort? Das wäre dann auch eine Aufforderung an die Suhler Bevölkerung, sich zu interessieren, was da oben passiert. Nicht nur rum zu maulen und rum zu meckern, sondern wirklich auch mal zu gucken: was passiert denn da?
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