An der Bushaltestelle Zentrum vor dem Lauterbogen-Center wird eine Person von der Polizei kontrolliert. Auch wenn in diesem Fall eine weiße Person kontrolliert wird, gehören Kontrollen von migrantisch gelesenen Personen in Suhl zum alltäglichen Bild.
Der Theatermacher Riadh Ben Ammar sagt dazu im Gespräch: »Ich glaube, in Suhl gibt es auch dieses Thema, Kriminalität. […] Viele Leute machen durch die Perspektivlosigkeit Sachen, die nicht in Ordnung sind. Statt zu sagen, dass Migranten gar nichts mit Kriminalität zu tun haben, versuche ich zu erklären: ›Warum machen die das?‹«
»Lass sie erst mal ankommen und versuch mal, wenn du willst, ihnen mit einer positiven Energie entgegen zu treten – oder sie sonst einfach in Ruhe zu lassen.«
Gespräch mit Rashid, der in Suhl viel Ablehnung erlebt
Lena Kannst du dich vorstellen, wer du bist und was du machst?
Rashid Ich bin 25 Jahre alt, werde demnächst 26 und lebe seit 2015 hier. Suhl ist auch ein Teil meiner Heimat geworden, muss ich sagen. Es sind circa zehn Jahre, dass ich in der kleinen Stadt lebe. Ich habe hier gelernt, bin hier in die Schule gegangen, habe hier meine Ausbildung gemacht. Mit meiner Ausbildung als Erzieher bin ich im August ’22 fertig geworden und arbeite seitdem in einem Kinderheim in Suhl-Nord.
Seitdem ich mein Auto habe, bin ich nur noch zwischen Arbeit und zu Hause unterwegs, bin selten in der Stadt, nur wenn ich irgendwie Wege zu erledigen habe. Und wenn ich nicht arbeite, bin ich jetzt auch oft in Erfurt und verbringe gemeinsame Zeit mit meinen Eltern; und ich habe noch zwei Schwestern dort.
Lena Du kennst ja die EAE in Suhl. Was ist dein Bezug dazu?
Rashid Die EAE kenne ich tatsächlich seitdem ich hier bin. Ich habe selber circa zwei Wochen da drin gewohnt, bis das Jugendamt mich dann aufgenommen hat. Das war Mitte 2015. Da war die EAE noch in der Bauphase. Die waren noch nicht ganz fertig und wir haben zu fünft oder zu sechst im Zimmer geschlafen. Wir hatten keine Betten damals, wir haben nur eine Matratze bekommen. Und es waren viele Menschen, über 1000 Menschen. 2015, das war die große Welle.
Ich habe nicht lange da drin gewohnt und es war Ramadan, als ich da war, und da habe ich ja nur einmal am Tag gegessen. Aber ich bin mit meinem Cousin gekommen, der hat länger da drinnen gewohnt und hat gesagt, das Essen da haben sie nicht gegessen. Sie haben dann versucht sich was Fertiges in der Stadt zu holen. Nicht, dass sie sich immer was Schönes gegönnt hätten, sondern Toastbrot und Aufstrich. Das hängt mir immer noch im Kopf. Die Anfangszeit war sehr schwer.
Da ist noch mehr Bedarf in der EAE, was gemacht werden muss. Auch was das Medizinische angeht. Ich habe oft ehrenamtlich für Nichtregierungs-Organisationen, auch für Ärzte, in der EAE übersetzt und da habe ich immer mal gehört, dass man nur behandelt wird, wenn es wirklich ein sehr, sehr, sehr großer Notfall ist. Wenn zum Beispiel einer mit Zahnschmerzen kommt, dem wird gesagt, zu warten bis sein Transfer kommt. Transfer ist die Verteilung auf die Landkreise. Bis diese Verteilung kommt, das kann bis zu sechs Monaten dauern. Und wenn dieser Mensch Zahnschmerzen hat, wie soll er diese sechs Monate ertragen mit den Zahnschmerzen?
Darüber muss man sich Gedanken machen. Da leben Menschen, die kommen, die haben Sorgen, die sind krank, die brauchen Behandlung, die brauchen einen Rat, aber denen wird sehr oft gesagt, sie sollen warten, bis ihr Transfer kommt.
Ich habe einen, der in der EAE gewohnt hat, begleitet ins Krankenhaus, als er Zahnschmerzen hatte. Ein Arzt hat sich das angeschaut und hat gesagt: »Das muss sofort ins Krankenhaus, muss behandelt werden.«
»Bis diese Verteilung kommt, das kann bis zu sechs Monaten dauern. Und wenn dieser Mensch Zahnschmerzen hat, wie soll er diese sechs Monate
ertragen mit den Zahnschmerzen?«
Lena Über die Situation in der EAE wird ja viel in Medien und auch in der Stadt diskutiert. Was ist deine Haltung dazu?
Rashid Es gibt ja überall gute und schlechte Menschen, das sagen glaube ich auch alle. Aber es sind auch genug, die wirklich Hilfe brauchen, die nicht einfach umsonst da sind, weil sie das möchten, sondern weil sie gezwungen sind, hierherzukommen. Wenn ich sage gezwungen, dann werden Viele vielleicht fragen: »Wie denn gezwungen?« Na, gezwungen in dem Sinne, es herrscht vielleicht ein Krieg, es herrscht vielleicht so eine Armut, dass Menschen es wirklich nicht schaffen. Es herrscht Unsicherheit, es ist medizinisch vielleicht nicht gut. Es gibt viele, viele Gründe weshalb Menschen hierher kommen.
Man muss sich vorstellen, man ist übers Mittelmeer gekommen und man nimmt so gefährliche und lange Strecken auf sich, um hierherzukommen oder überhaupt nach Europa zu kommen. Ob man das schafft oder nicht, das ist ja wieder eine andere Frage. Man sagt: »Okay, man geht rüber.« Aber viele haben es auch nicht geschafft. Viele sind einfach gestorben auf dem Weg. Entweder in den Wäldern oder im Wasser. Ertrunken sind viele.
Natürlich kommen mit diesen Menschen, die Hilfe brauchen, auch welche, die schlecht sind, die sich nicht gut benehmen. Das gibt es auch, überall. Aber man kann nicht sagen, nur weil diese Menschen etwas Schlechtes gemacht haben, muss man die ganze Einrichtung abschaffen oder muss man alle so behandeln, nur weil die zwei das so gemacht haben. Das sind ja schlechte Beispiele, aber es werden leider nur schlechte Beispiele in den Medien veröffentlicht: »Die prügeln sich immer, weil sie aus verschiedenen Nationen sind.« Sie haben vielleicht verschiedene Glaubens-Hintergründe, die verstehen sich nicht. Es kann zu Konflikten kommen. Das muss man auch verstehen. Es sind ja so viele Menschen, da kann man nicht sagen: »Okay, da wird Ruhe sein, da wird alles eins a laufen.« Nein, das wird nicht laufen, weil das einfach viele Menschen sind. Und wenn man mal drüber nachdenkt: man ist in einem Zimmer mit vier oder fünf Menschen, die man vielleicht gar nicht kennt, jeder kommt aus einem anderen Land. Dass sie verschieden sind ist kein Auslöser, dass sie immer Stress machen. Nein. Aber es kann zu Konflikten kommen. Aber leider werden nur diese Konflikte in Medien veröffentlicht und nicht die guten Sachen. Warum sagt man nicht, so viele Ärzte sind auch mit dabei; so viele Fachkräfte sind auch da in der EAE. Warum unterstützt man diese Menschen nicht, dass diese Menschen aufblühen, dass diese Menschen dann auch den Weg finden, wie sie hier weitermachen? Wenn man schon von Anfang an versuchen würde, die zu unterstützen, dann löst man vielleicht diesen Personalmangel, wovon immer geredet wird. Man muss sagen: »Okay, diese Menschen können unsere Lücken decken.« Und da sind ja wirklich viele dabei. Man muss sich halt nur trauen, mit den Menschen zu reden. Man muss auf sie zugehen.
»Warum unterstützt man diese Menschen nicht, dass sie aufblühen; dass sie dann auch den Weg finden, wie sie hier weitermachen?«
Man sieht dann nach Jahren, was aus den Menschen werden kann. Man kann zum Beispiel vom SRH Klinikum Suhl reden: da sind so viele ausländische Ärzte, da sind so viele Frauen mit Kopftuch. Ich habe gestern eine getroffen, eine Ärztin mit Kopftuch. Diese Ärztin hat in ihrem Land studiert und ist hierher gekommen und hat die Sprache gelernt. Aber es gibt Menschen, wenn sie etwas negativ sind, dann schaffen sie so was vielleicht nicht, dann kommen sie nicht weiter, dann werden sie demotiviert. Und dann kommt dieses Klischee: Die kommen hierher, die sitzen nur rum. Nur, weil diese Menschen nicht arbeiten gehen. Aber man kennt ja die Hintergründe nicht, warum diese Menschen nicht arbeiten gehen, warum diese Menschen einfach zu Hause sitzen.
Bei mir war es so: Ich habe in der Wohngruppe gewohnt. Ich hatte immer positive Menschen an meiner Seite. Natürlich gab es auch viele Negatives, was ich mir anhören durfte: »Geh nach Hause, geh wieder zurück. Was machst du denn hier? Du nimmst unsere Steuergelder.« Mir wurde das oft gesagt, aber ich habe das ignoriert und habe mein Ziel verfolgt und habe dann meinen Abschluss gemacht als Erzieher. Ich arbeite jetzt hier, aber es gibt auch viele, die es halt nicht geschafft haben oder die es nicht schaffen, weil sie so was hören. Und das muss man auch bedenken. Für sie ist es eine Umstellung um 180 Grad, weil sie ja ein Leben hatten und jetzt haben sie gar nichts mehr. Sie müssen wieder von null beginnen. Und ich glaube, für Menschen, die nie diese Erfahrung gemacht haben, ist es gar nicht vorstellbar, wie schwer das ist.
Lena Wenn du Gespräche über die Erstaufnahme hörst, was geht dir da so durch den Kopf? Was macht das mit dir?
Rashid Als ich noch kein Auto hatte und auch oft mit den Bussen unterwegs war, habe ich das auch meistens mitbekommen, aber mittlerweile bekomme ich nicht mehr so viel mit. Wenn ich mal Bus fahre, beobachte ich Menschen, wenn sie Kommentare abbekommen von anderen Mitbürgern. Da kann ich mich tatsächlich in die Situation hineinversetzen, weil ich das früher erlebt habe. In der Situation fühlt man sich sehr klein, man fühlt sich unbeholfen, man fühlt sich schuldig, so dass man wirklich denkt: »Warum lebt man denn, warum? Warum ist man denn hier?« Es wird was gesagt. Du traust dich nicht zu antworten. Du weißt nicht, wie du antworten willst. Du verstehst nicht, was gesagt wird, aber du hörst es. Man sagt ja, der Ton macht die Musik; wie dieser Mensch redet, wie die Reaktion ist. Man hört das, man spürt das, man versteht zwar nicht, man möchte dann auch gerne antworten, warum ich da bin, was ich hier mache. Vielleicht bin ich ja ein Arzt, vielleicht bin ich einfach eine Fachkraft. Gib mir einfach nur Zeit. Lass mich irgendwie die Sprache lernen, dann würdest du sehen, wer ich bin, dann würdest du sehen, wo ich arbeite.
»Es wird was gesagt. Du traust dich nicht zu
antworten. Du weißt nicht, wie du antworten willst. Du verstehst nicht, was gesagt wird, aber du
hörst es.«
Ich war ja noch in der Lehre, als ich diese Kommentare gehört habe: »Geh zurück«, und: »Du lebst von unseren Steuergeldern.« Obwohl ich verstanden habe, was sie gesagt haben, hatte ich Angst diesen Menschen zu antworten, weil ich ja nicht wusste, ob ich das jetzt richtig oder falsch mache. Ich dachte: »Wenn ich jetzt antworte, wird es ein Problem geben.« Ich habe oft geschwiegen.
Man kann es nicht verstehen, wenn man das nicht erlebt hat. Man muss sich wirklich in die Situation hineinversetzen, dass das mit einem passiert. Dann versteht man, wie man sich fühlt. Und das macht mit einem sehr, sehr viel, auch wenn man das von außen nicht sieht. Aber innerlich macht das mit einem so viel.
Lena Wenn man in die Medien guckt, dann hat man manchmal den Eindruck, dass es sehr festgefahrene Positionen gibt und manche Leute gar nicht mehr versuchen, eine andere Perspektive einzunehmen. Was denkst du, was wäre ein guter Raum, dass solche Personen und du und Leute mit anderen Erfahrungen gut miteinander sprechen können?
Rashid Wenn wir für die Kinder in der Einrichtung kochen, wo ich arbeite, sagen wir: »Ihr müsst nicht alles mögen, was wir kochen, aber ihr müsst es wenigstens probieren. Vielleicht schmeckt euch das.« Manchmal klappt das, manchmal schmeckt es. Und sie essen es gerne und sagen, ich soll das nochmal kochen. Manchmal sagen sie: »Nee, das hat nicht geklappt.« Vielleicht beim nächsten Mal, oder beim zweiten oder dritten Mal. Und so ist es, glaube ich, auch mit diesen Menschen, die du genannt hast, die halt eine sehr feste Einstellung der einen Richtung haben. Vielleicht, wenn sie möchten, versuchen sie einfach auf Menschen zuzugehen. Menschen einfach mal, wenn sie auf dich zukommen und irgendwas fragen, antworten: »Ja? Was willst du denn?« Vielleicht wollten sie ja nur die Uhrzeit wissen. Einfach nicht gleich ablehnen und sagen: »Nein, nein, nein.« Man muss auch nicht jeden mögen. Lass sie erst mal ankommen und versuch mal, wenn ihr wollt ihnen mit einer positiven Energie entgegen zu treten – oder sie sonst einfach in Ruhe zu lassen.
Die Menschen haben auch einen großen Rucksack dabei, ihr Päckchen zu tragen. Ich glaube, wenn man auf die zugeht, wird man vieles voneinander lernen.
Lena Da wo ich aufgewachsen bin, waren viele Kinder in meiner Grundschulklasse, die zu Hause nicht Deutsch gesprochen haben. Und deswegen war das für mich immer so normal, dass Leute andere Sprachen sprechen. Wie war das bei dir? Wie bist du aufgewachsen?
Rashid Ich bin selber Kurde und habe in Syrien gelebt. Und Syrien ist ja ein arabischer Staat und da wird auch Arabisch gesprochen. In der Schule haben wir Arabisch gelernt. Meine Muttersprache kann ich nur sprechen, schreiben kann ich sie nicht, lesen auch nicht, leider. Warum, das ist wieder eine andere Geschichte. Aber ich bin mit zwei Sprachen aufgewachsen. Das war für mich nie und nirgends ein Unterschied: »Das ist ein Araber und das ist ein Kurde.« Das war für mich egal, das waren meine Freunde, das waren meine Schulkameraden in der Schule. Meine arabischen Freunde waren genauso gut wie meine kurdischen Freunde. Warum soll ich einen anders behandeln? Warum soll ich ihn schlecht behandeln?
Lena Vielleicht können wir noch über deinen Weg nach Suhl sprechen. Wie war das ohne Eltern so weit weg von Zuhause zu sein?
Rashid Die ersten zwei, drei Monate ist man froh, dass man erst mal angekommen ist, dass man erst mal zur Ruhe kommt, man überhaupt realisiert, dass man jetzt da ist. Es ist kein Krieg, jetzt hast du was zu essen, jetzt kannst du im Warmen unter einem Dach schlafen.
Ja, und danach fängt es halt schon an, man merkt: »Okay, ich bin da, aber warum bin ich da? Wo sind meine Eltern? Meine Freunde? Wo sind meine Großeltern, wo sind meine Tanten? Meine Onkel? Die hatte ich vorgestern um mich und heute nicht mehr.«
Und da beginnen schon die Schwierigkeiten. Wie es einem psychisch geht. Der Asylantrag, den man stellt, der am Ende entscheidet, ob man hierbleibt oder nicht. Und das hat wieder so einen schweren Einfluss auf die Psyche. Man weiß nicht, bekommt man einen positiven, bekommt man einen negativen Bescheid.
Und dann musst du noch die Sprache lernen, du musst in die Schule gehen. Du musst Freunde finden. Und mit allen musst du dich zurechtfinden. Und du bist minderjährig.
Und das war schon schwierig, muss man tatsächlich sagen. Erst mal auch die Sprache zu lernen, zu realisieren: »Okay, die Eltern sind nicht da, du siehst sie erst mal für lange Zeit nicht mehr. Vielleicht auch gar nicht mehr.« Das ist schon schwierig.
Ich habe auch oft gehört, dass die Menschen sagen, wenn ihr Kind zum Beispiel auf Klassenfahrt ist, dann denken sie die ganze Zeit: »Wo ist mein Kind, was macht mein Kind? Hat mein Kind was gegessen? Hat sie was getrunken?« . Als Eltern macht man sich dann so viele Gedanken, obwohl man weiß, das Kind ist an einem sicheren Ort und hat Spaß. Aber als geflüchteter Mensch hast du Eltern, die sich so viele Sorgen um dich machen, die dann auch nicht wissen, sehen sie dich wieder oder nicht. Und du selber denkst dann auch nach: »Was machen meine Eltern? Wie geht es denen?«
Lena Deine Eltern sind seit etwa einem Jahr auch in Deutschland. Warum haben deine Eltern entschieden, dass sie lieber in Erfurt leben als in Suhl?
Rashid Das war auch Unterstützung von mir, denen zu sagen, dass sie nach Erfurt gehen sollen, weil ich tagsüber nicht so viel Zeit hatte, mit ihnen irgendwas zu machen. An den Tagen, an denen ich Zeit hatte, habe ich auch die Kommentare gehört oder die Blicke von den Menschen: »Wer seid ihr denn? Warum seid ihr denn hier?« Das hat mich innerlich sehr angefressen, muss ich sagen, habe ich meinen Eltern aber nicht gesagt. Die sind ja hergekommen, die wollen ja auch, dass sie mal eine schöne Zeit mit uns haben und nicht immer so Negatives. Meine Eltern sind hier in Suhl selten rausgegangen, die waren die ganze Zeit zu Hause. Ich habe sie auch nicht motiviert rauszugehen, weil ich wusste, wenn sie rausgehen und Kommentare kriegen, dann wird es meine Eltern innerlich kaputt machen. Oft haben Menschen so geguckt – und, wie gesagt: auch wenn man die Sprache nicht versteht, kann man durch die Reaktionen auch verstehen, was diese Menschen sagen. Man kann es fühlen. Auch Nachbarn haben geschaut oder irgendwas gesagt. Meine Eltern haben mich gefragt: »Was haben die gesagt, was haben die gesagt?« – »Nichts, nichts«, habe ich gesagt. Und sie haben gesagt: »Nee, die haben schon was gesagt. Warum haben die uns so angeschaut?« Die hinterfragen das ja.
Ich lebe jetzt schon seit fast zehn Jahren hier und ich kenne die Probleme, dass man oft nicht akzeptiert wird. Natürlich nicht von allen, aber wenn es selbst bei den Nachbarn beginnt, dass die sie nicht akzeptieren, warum sollten meine Eltern hierbleiben? »In Erfurt fallt ihr nicht auf«, habe ich denen natürlich nicht gesagt, ich habe gesagt: »Erfurt ist schön, kommt, geht dort hin.« Und das ist auch eine gute Entscheidung, die man getroffen hat. Sie fallen dort wirklich nicht auf. Die gehen raus, die gehen spazieren, die besuchen einen Sprachkurs und ich finde es für sie sehr schön.
»Wenn es selbst bei den Nachbarn beginnt, dass
die sie nicht akzeptieren, warum sollten meine Eltern hierbleiben?«
Ich habe es vielleicht geschafft in Suhl, aber ich habe noch zwei Schwestern, die auch dunkle Haare haben, die hier auch mal was machen wollen. Aber ich möchte nicht, dass meine Schwestern so negativ beeinflusst werden oder vielleicht was weiß ich noch Schlimmes passiert oder so. Man weiß nicht, was passieren kann. Deswegen sind sie jetzt dort und leben dort und alles ist schön.
Lena Wie sieht für dich deine Zukunft in Suhl aus?
Rashid Ich glaube, mittlerweile kann ich sagen, dass ich irgendwann mit einer eigenen Familie allein leben werde. Also hier in Deutschland, denke ich mal, aber gerne auch noch hier in Thüringen. Wenn das alles gut läuft, auch in der Nähe von meinen Eltern. Ich möchte die Zeit jetzt genießen. Weil Kindheit gab es nicht so viel. Und auch die Phase, wo man eigentlich die Eltern gebraucht hätte, das gab es bei mir auch nicht viel. Das möchte ich jetzt nachholen.
Lena Vielleicht noch eine Utopie zum Schluss: Wie wäre das hier in Suhl, wenn es gar keinen Rassismus gäbe? Also wenn alle gut zusammenleben könnten?
Rashid Das wäre wunderschön, traumhaft, weil die Menschen, die herkommen würden hier bleiben. Suhl würde dann wieder aufblühen, wieder wachsen.
Jetzt heißt es, junge Menschen ziehen immer von hier weg, da hat man immer Fachkräftemangel. Wir haben nicht so viele junge Menschen, wir haben hier nur alte Menschen. Ich denke mal, wenn es den Rassismus nicht gibt und die Menschen die Menschen hier herzlich willkommen heißen, dann werden auch viele hier leben, dann wird es wieder mehr wachsen.
Für mich wäre es vielleicht so, dass ich wieder mit meiner Familie hierher komme. Also Thüringen an sich ist ja ein wunderschönes Bundesland. Auch Suhl ist ja so grün und so schön. Warum denn nicht? Warum sollte ich denn unbedingt in Erfurt leben oder woanders, wenn ich weiß, hier habe ich einen Job, hier habe ich eine Familie, hier habe ich eine Wohnung. Warum soll ich denn woanders hingehen?
Im Moment, Gott sei Dank, habe ich hier mit Menschen nicht so viel zu tun. Ich arbeite hier nur, oft bin ich in Erfurt. Wenn ich sehe, dass das weiterhin so negativ ist, dann weiß ich auch nicht, wie es dann weitergeht.
Lena Was ist dir noch wichtig?
Rashid Wichtig sind die Kinder. Den Kindern beizubringen, dass es Menschen gibt, die anders aussehen, die eine andere Hautfarbe haben, eine Sprache sprechen, die auch irgendwas überm Kopf haben können. Nennt man Kopftuch. Dass man denen auch beibringt, das sind auch Kinder und sie sind auch nicht irgendwie weniger wert als ihr. Und das sollte jeder, glaube ich, seinen Kindern versuchen ein Stück weit so beizubringen. Weil Kinder, das haben wir auch oft in der Ausbildung gehört, die sind ja wie Schwämme. Egal was du ihnen gibst, das Kind saugt alles auf. Und wenn das erwachsen ist, dann weiß man: »okay, der hat das im Kindesalter aufgesaugt.«
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