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Im Juni 2023 benannte der Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung Alexander Theus gegenüber dem Freien Wort den Herrenteich als Ort, an dem er sich »mal blicken lasse«. »Ihm sei daran gelegen, dass [die Bewohner der EAE] wissen, dass er auch dort ein Auge auf deren Verhalten hat.« Im September 2023 gab er seine Kandidatur als Bürgermeister von Suhl bekannt.

Auch die Polizei fährt am Herrenteich immer wieder Streife. Die Wahrnehmung von Polizeipräsenz kann jedoch sogar zu größerem Unsicherheitsgefühl führen, selbst wenn Bürger sich die Präsenz gewünscht haben. Zu diesem Ergebnis kam 2024 eine Studie der Liebig-Universität Gießen in Kooperation mit dem Polizeipräsidium Nordhessen und der Stadt Kassel.

Laut einem Bericht des »Freies Wort« vom 2. Mai 2024 sei auf der Suhler Jugendkonferenz im Oktober 2023 benannt worden, dass Kinder und Jugendliche in der Suhler Innenstadt zu oft ein Gefühl der Unsicherheit spürten. Auf einem vom Jugendforum veranstalteten Workshop »Pizza & Polizei« im April 2024 sei dem nachgegangen worden. Die Erstaufnahmeeinrichtung und ihre Bewohner stünden demnach nicht mit der Unsicherheit in Verbindung

»Es ist immer schwierig, so aus dem Zusammenhang gerissene Wahrnehmungen oder auch Äußerungen in den großen Kontext einzuordnen, wo man das große Ganze nicht kennt.«

Gespräch mit einem Einzelhändler aus dem Zentrum

Lena Was ist Ihr Bezug zur Suhl? 

Einzelhändler Die Großeltern und die Frau sind hier aufgewachsen und geboren. Ich komme ursprünglich aus Weimar. Ich habe hier lange gewohnt, war dann mal zehn Jahre weg. In Hessen, beruflich; dann bin ich wieder hergekommen, 2009, glaube ich. Und seitdem bin ich hier Filialleiter. Ja, und seitdem bin ich eigentlich immer mit der Stadt verwachsen. Hier gelernt, gearbeitet, weggezogen, wiedergekehrt, wie man das so schön sagt. 

Lena Ich denke, dass, wie wir selber aufwachsen, einen Einfluss darauf hat, was wir uns für ein Weltbild machen oder auch wie wir auf andere Menschen zugehen. Wie war das bei Ihnen?

Einzelhändler Behütet, sage ich mal. Noch ein Kind der DDR mit wenig Möglichkeiten, einer klar strukturierten Umgebung. Dann nach der Wende vielfältige Möglichkeiten, mit denen du erst mal nichts anzufangen wusstest. Man hat sich dann so seinen Weg gesucht. Und was mich persönlich eigentlich sehr tolerant gemacht hat, waren meine fast zehn Jahre, die wir in Hessen gewohnt haben, weil da ja eine völlig andere Kultur herrschte. Wir waren in einer Stadt mit einem relativ hohen Ausländeranteil, die damals in diesen Wirtschaftswunderjahren in den Sechzigern dort hingezogen sind, wo auch eigene Communities oder Stadtteile vorgeherrscht haben, die mehrheitlich von diesen Ausländern, und in meinem Fall waren es dann Türken, bewohnt waren, die dann einfach zum Stadtbild gehörten. Also die sind dann ganz anders damit aufgewachsen. Und das ist was, was wir hier in Suhl, auch nachdem wir wiedergekommen sind, nicht gekannt haben. Was dann aber quasi schlagartig 2015 über uns hereingebrochen ist und man quasi alleingelassen worden ist, weil Erfahrungen aus anderen Geschichten, sage ich jetzt mal, oder wie man damit umgehen konnte, ja entweder nicht vorhanden waren oder nicht geteilt worden sind. Und ich denke mal, mit dem Wissen von heute würde man, wenn man wieder in so einer Situation ist, deutlich besser oder anders umgehen.

Lena Was sind Ihre Berührungspunkte mit der Erstaufnahmeeinrichtung?

Einzelhändler Also in Kontakt gekommen bin ich mit der EAE mehr oder weniger persönlich durch einen Freund, der arbeitet beim Arbeiter-Samariter-Bund, die die soziale Betreuung machen. Und wir haben kurzfristige Versorgungsengpässe überbrückt, weil Windeln gefehlt haben, Körperpflege-Produkte. Da habe ich persönlich das erste Mal eine EAE gesehen und war doch eigentlich ein bisschen entsetzt über das, was ich dort vorgefunden habe. Dass da ja tatsächlich Leute sind, die hier eigentlich mit nichts als mit dem, was sie auf der Haut tragen, ankommen. 

Wirklich, im Winter kamen da welche, die hatten keine Schuhe. Das sind so Sachen, die sind hier draußen gar nicht bewusst. Und wenn die dann losgehen und im Schuhladen Schuhe klauen, dann machen die das nicht, weil sie sich da bereichern wollen, sondern einfach, weil die was an die Füße brauchen. Dass die dann klauen, ist nicht in Ordnung, das muss man denen dann auch sagen. Aber dann müssen Möglichkeiten geschaffen werden, denen dann was Adäquates zur Verfügung zu stellen.

Später kam bei mir dann diese berufliche Situation, dass ein paar Bewohner dort oben – und die Betonung liegt wirklich auf ein paar – dieses Bildnis in der Stadt Suhl entscheidend prägen, wie es nicht den allgemeinen Tatsachen entspricht. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus.

Lena Was ist Ihre Erfahrung?

Einzelhändler Dass die meisten, die kommen, einkaufen, froh sind, dass sie was kriegen. Sie decken sich mit den Artikeln des täglichen Bedarfs ein. Sie zahlen die in der Regel auch. Also wir machen einen nicht unerheblichen Teil des Umsatzes damit, andere noch mehr; wenn ich jetzt an Bekleidungshändler oder Schuhläden denke. Und wenn das jetzt wegfallen würde, was ja dann immer gewünscht wird, wäre das, glaube ich, für Suhl schwierig. Ich vergleiche es immer so mit Schweinfurt: da ist eine Armeekaserne geschlossen worden und da hat der Handel ganz schön zu kämpfen gehabt, als die abgezogen sind. Und ich glaube, das wird uns dann in Suhl auch ereilen, wenn in zwei Jahren diese EAE hier schließen sollte.

»Also wir machen einen nicht unerheblichen Teil des Umsatzes damit, andere noch mehr.«

Lena Und was sind so Diskussionen, die Sie mitbekommen?

Einzelhändler Na ja, dass die sich hier nicht benehmen würden, das Stadtbild prägen. Klar ist es faür uns behütete Mitteleuropäer, sage ich mal, oder auch behütete Suhler schwierig gewesen am Anfang. Die in Gruppen auftretenden, ja Nichtdeutschen sage ich jetzt mal, und augenscheinlich nicht zum Stadtbild Gehörenden1 zu treffen, weil man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Weil auch die Informationen am Anfang seitens der Stadt relativ gering waren, weil irgendwie wirklich keiner wusste, was da auf einen zukam. Dann ist es ja im Laufe der Jahre auch explodiert. Weil am Anfang waren es ja zwei-, drei-, vierhundert. Zum Schluss oder in Höhepunkten hat man ja, ich glaube 1500/1600 Leute da. Und bei einer Stadt mit nicht mal 30.000 Einwohnern ist das dann schon ein erheblicher Teil, was wir so nicht kannten. Da muss man mit umgehen oder lernen umzugehen. Was ich halt persönlich schade finde, ist, dass auf diese Einzelfälle spät oder gar nicht reagiert worden ist. Wobei ich jetzt sagen muss, was bei uns im Geschäft den Diebstahl angeht, kann ich nicht mehr von Einzelfällen reden, sondern es sind ja wirklich Intensiv- oder Wiederholungstäter. 

Auch wenn sie da oben was anzünden: Das sind ja nicht 600 Leute, die die Bude abfackeln, sondern zwei, drei ausgewählte, und die schaden dem Ruf.

Und das ist das eigentliche Problem, weil das im Großen und Ganzen die öffentliche Meinung doch sehr geprägt hat. Und dass die Leute, die damit nicht einverstanden sind oder das zu ihren Zwecken nutzen wollen oder wollten, das im Prinzip entsprechend ausgeschlachtet haben. Von diesen normalen Bewohnern der EAE kriegt der Normalsterbliche ja nichts mit, weil die ja nicht in Erscheinung treten. Die kommen hier runter, kaufen ein, wenn sie denn runter kommen, und gehen wieder, fallen nicht weiter auf. 

Lena Wie ist aktuell Ihr Umgang damit?

Einzelhändler Man geht halt wirklich vorsichtig an diese Geschichte heran. Zumindest ich spreche jetzt von mir persönlich. Ich gucke mir die Leute an: wenn die sich jetzt normal benehmen, wo du von einem normalen Einkaufsverhalten ausgehen kannst, dann lasse ich die auch normal einkaufen. Wenn man das Gefühl hat, dass da jetzt irgendwas nicht passt oder so was, dass die Verhaltensweise von der Norm abweicht, dann guckt man auch schon mal genauer hin oder greift mal prophylaktisch ein. Und in der Regel haben wir, ich würde sagen, ein geschultes Auge oder Bauchgefühl dafür, dass man dann die richtige Entscheidung getroffen hat. 

Lena Und was denken Sie, wie geht es Leuten, die wahrscheinlich optisch in das Raster fallen, aber einfach normal in Ihrem Laden einkaufen?

Einzelhändler Wir können ja hier im Handel nicht differenzieren, ob die, die reinkommen, mit bösen Absichten kommen oder nicht. Und die Erfahrung hat eben leider gezeigt, dass wir grundsätzlich erst mal keinen ausschließen können. Weil selbst die, wo du denkst, du hast einen positiven Eindruck, dann vielleicht die sind, die den nur nach außen widerspiegeln. Das macht es halt für uns extrem schwierig.

An dem Tag, wo dann wieder einer geklaut hat, ist es in der Natur der Sache, dass man da einfach bei den nächsten, die dann reinkommen, genauer hinguckt. Und ich kann mir vorstellen, weil mir würde es ja genauso gehen, dass man sich dann beobachtet oder zu Unrecht beschuldigt fühlt. Wobei wir wirklich versuchen, menschlich an diese Geschichte heranzugehen. Das heißt, bis wir uns nicht eindeutig sicher sind, dass da eine Straftat verübt worden ist oder eine Verhaltensweise an den Tag gelegt wird, die für unsere Verhältnisse nicht üblich ist, schreiten wir da nicht ein, halten im Prinzip Abstand.

Lena Was denken Sie, ist das größte Problem gerade mit der EAE?

Einzelhändler Dass man diesen Störenfrieden, den 30/40/50 Leuten, die es tatsächlich sind, insofern nicht Herr wird, dass man da sagen kann, es gibt Maßnahmen, die der Einrichtung oder auch der Polizei zur Verfügung stehen, wirksam dafür zu sorgen, sowohl die Bürger der Stadt Suhl und auch die Händler als auch die Bewohner der Einrichtung dort oben zu schützen. Auch die Anwohner entsprechend zu schützen. Ich hatte mit dem Herrn Adams2 vor einigen Jahren gesprochen und da war mal im Gespräch solche Störenfriede von dieser Einrichtung abzusondern. Dazu kam es leider nicht; aus welchen politischen Gründen, das ist mir nicht bekannt. Und das hätte ich persönlich gut gefunden, weil dann sind die Leute aus dem Stadtbild verschwunden, die nachweislich einen Großteil der Probleme verursachen und das wäre auch wahrscheinlich für die Einrichtung oben schöner gewesen. Weil wenn man so mitkriegt, dass da auch ethnische Gruppen aufeinanderprallen, hätte man die Gewaltbereiten dann von denen, die unter der Gewalt leiden, trennen können. Wäre der gescheitere Umgang gewesen. Die meisten, die da kommen, kommen ja nicht, um uns hier zu schaden und sich ein fettes Leben zu machen, sondern einfach weil es da, wo sie herkommen, für sie nicht mehr möglich war zu wohnen oder zu leben.

Und ich denke es wäre vielleicht einfacher gewesen am Anfang mehr zu reden, offener zu kommunizieren oder auch mal zu sagen: Leute, wir haben da ein Riesenproblem, wir brauchen eure Hilfe. Und nicht einfach zu sagen: »Ja, das sind alles Einzelfälle, habt euch mal nicht so«. Das war doch das größte Versäumnis in der ganzen Geschichte, soweit ich das jetzt beurteilen kann. 

Und das andere ist, selbst wenn die Einrichtung dann weg ist, sind ja die Flüchtlinge nicht weg. Sondern dann muss Suhl jedes Jahr – ich weiß nicht, wie die Quoten da sind, aber ich denke mal 150, 200 aufnehmen, die dann dauerhaft hier bleiben, die dann integriert werden müssen. Insofern ist die Schließung der EAE nicht die Lösung des Problems, sondern der Umgang, wie ich da dann mit umgehe.

»Und ich denke es wäre vielleicht einfacher gewesen, am Anfang mehr zu reden, offener zu kommunizieren oder auch mal zu sagen: Leute, wir haben da ein Riesenproblem, wir brauchen eure Hilfe.«

Lena Wie sind Sie an der Debatte hier vor Ort beteiligt, auch in Bezug auf die Diebstähle?

Einzelhändler Ja, das ist ein heikles Thema, wo man immer gucken muss, mit wem man wie offen drüber redet. Konkretes Beispiel, was wir hier schon gehabt haben: Es gab eine Kundenbeschwerde, die uns als ausländerfeindlich hingestellt hat. Und da sage ich: »Das kann durchaus sein, dass das so rüberkommt«. Konkretes Beispiel: Wenn ein Diebstahl passiert ist, der dann auch vielleicht nicht harmonisch abgelaufen ist, sondern mit einer körperlichen Auseinandersetztung geendet hat, wie ich es aus eigener Erfahrung auch kenne, dann ist man hinterher sehr aufgebracht und muss sich diesen Frust mal von der Seele reden. Wenn das jetzt ein unbeteiligter Dritter mitkriegt, der von den Vorgängen vorher nichts weiß, kann leicht der Eindruck entstehen, dass eine ausländerfeindliche Stimmung herrscht, die definitiv aber nicht da ist. Weil selbst der Mitarbeiter, oder auch ich, der sich in dem Moment aufgeregt hat über diese konkrete Person, dann eine Stunde oder auch eine halbe Stunde später mit dem nächsten Ausländer, der jetzt keine Diebstahls-Absichten hat, auch ans Regal geht und eine Beratung oder eine normale Kaufhandlung durchführt. Also da sind wir dann doch schon bemüht.

Es ist halt immer schwierig, so aus dem Zusammenhang gerissene Wahrnehmungen oder auch Äußerungen in den großen Kontext einzuordnen, wo man das große Ganze nicht kennt. Und deswegen bin ich persönlich da auch immer vorsichtig, irgendwo was zu sagen. 

Wie gesagt, ich gebe offen zu, es gibt Probleme mit der Einrichtung. Aber ich weigere mich auch zu sagen, dass diese 1300 Leute, die da stellenweise oben sind, alles irgendwelche Straftäter oder Tunichtsgute sind. Weil ich es von Praktikanten kenne, die wir von dort hatten. Die sind geflüchtet. Bei einem sind zwei seiner Geschwister auf der Flucht gestorben. Also ganz ehrlich, das ist was, was keiner für seine Familie auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen würde. Solche Leute dann zu verurteilen oder was auch immer finde ich schlecht. Der junge Mann, der eine Ausbildung bei uns angefangen hat, dürfte glaube ich dieses Jahr fertig werden. Der will sich hier eine Zukunft aufbauen und hat auch den festen Willen, wenn es irgendwann wieder möglich ist, in seine Heimat zurückzugehen.

Lena Sie haben ja vorhin auch gesagt, manchmal kocht das ein bisschen hoch oder es sind dann nur so vor allem negative Sachen im Umlauf. Was für einen Ort können Sie sich vorstellen, wo eine Debatte besser stattfinden könnte, als in einem aufgeheizten Moment?

Einzelhändler Eine Gesprächsrunde, von der Stadt, die findet quartalsweise statt: Ein Gespräch über die EAE, wo die Händler gehört werden, die Ordnungsbehörden; im Prinzip alle Beteiligten, die mit der Stadt, mit dieser EAE zu tun haben. Manchmal sind auch Vertreter vom Landesverwaltungsamt da. Zwischenzeitlich war mal eine Phase, wo wir gesagt haben, wir besuchen diese Veranstaltungen nicht mehr, weil es für uns als Händler nichts bringt. Haben dann aber gemerkt, dass den Kopf in den Sand zu stecken und nicht mehr hinzugehen eigentlich auch keine Lösung ist, und haben gesagt, wir gehen jetzt wieder hin und tun alles, was in unserer Macht steht, um klar und differenziert aufzuzeigen, wo akut die Probleme bei uns liegen. Weil Resignation oder Weggucken bringt nichts. 

Meiner Meinung nach bringt nur konstruktiv über solche Geschichten zu reden weiter. Und wenn es nur ist, dass man aus den Erfahrungen hier in Suhl für die zukünftige Einrichtung, wo auch immer sie dann stehen mag, gelernt hat und die Fehler, die hier systembedingt da sind, dann dort versucht zu vermeiden.

So wie es im richtigen Leben ja auch ist, man macht seine Kindererziehung ja auch nicht anders. Nur weil das Kind einmal Scheiße gebaut hat, sagt man ja nicht: »Bei dem Kind ist Hopfen und Malz verloren«, sondern man bleibt halt dran und arbeitet daran. 

Lena Wie könnte man vielleicht mehr Menschen auch noch so eine andere Perspektive ermöglichen?

»Nur weil das Kind einmal Scheiße gebaut hat, sagt man ja nicht: Bei dem Kind ist Hopfen und Malz verloren‹, sondern man bleibt halt dran und arbeitet daran.«

Einzelhändler Eben indem man sie in so eine Diskussion einbezieht, ein bisschen transparenter berichtet. Wobei ich glaube, dass in Suhl das Kind schon so weit in den Brunnen gefallen ist, dass das nur mit einem immensen Aufwand noch zu beheben wäre. Weil was hört man über die EAE? Es hat wieder gebrannt, es wurde sich geschlagen, die Ordnungskräfte sind angegriffen worden. Und so weiter und so fort. Das ist das, was durch die Medien geht. Von dem Rest kriegt keiner eigentlich was mit. Was mir die Augen geöffnet hat, war der persönliche Kontakt zu einzelnen Bewohnern. Und diese persönlichen Erfahrungen vom Besuch dieser Einrichtung dort oben – ich war, glaube ich, zehn-, zwölfmal dort oben. Und ich sage es, wie es ist: Wenn ich irgendwo hin fliehen müsste, würde ich auch ungern so untergebracht sein wie dort oben. Also da muss es meiner Meinung nach andere Möglichkeiten geben.

Lena Wenn Sie sich vorstellen, dass hier in Suhl alle Menschen gut zusammenleben würden, wie sähe dann der Alltag aus? Auch hier bei Ihnen im Geschäft oder in der Innenstadt?

Einzelhändler Man würde dann, glaube ich, entspannter damit umgehen, weil es würde einfach zum Stadtbild gehören. Die kommen einkaufen. Die Masse benimmt sich ja, und die, die sich dann nicht benehmen, mit denen muss man einfach mal das offene Gespräch oder den Dialog suchen. Weil wenn man da jetzt hingeht und denen erklärt, dass eine Packung einfach nicht aufgerissen wird, sondern dass sie einfach fragen können, wir das dann hier für sie auspacken, wenn es denn notwendig ist, oder versuchen anderweitig zu erklären, dann funktioniert das ja.

Oder auch vom Sortiment her haben wir uns entsprechend umgestellt, weil da sind jetzt plötzlich ganz andere Sachen auf dem Bedarf aufgetaucht. Und wenn dann jeder da so ein bisschen offen rangehen würde und das als Chance sehen würde in der idealen Welt, dann hätten wir deutlich weniger Probleme. 

Schwierig war oder ist nach wie vor die sprachliche Barriere, weil ein Großteil kommt aus dem arabischsprachigen Raum. Das ist für uns als Europäer ja auch schwierig. Relativ häufig haben wir jetzt junge Leute da, die zumindest des Englischen mächtig sind. Da funktioniert es dann relativ gut. Wobei ich da auch merke, dass dann das Schulenglisch auch an seine Grenzen kommt. Aber je mehr oder öfter man es braucht, funktioniert’s auch besser. Aber ich sage mal, Google Übersetzer macht da doch eine hervorragende Arbeit, auch wenn manchmal Sachen zum Schmunzeln rauskommen. Für beide Seiten wohlgemerkt.

Lena Was ist Ihnen noch wichtig? Was wünschen Sie sich?

Einzelhändler Ja, dass man in seinem eigenen Kopf manchmal einen Cut ziehen könnte, dass so vorangegangene Erlebnisse die zukünftigen Entscheidungen nicht so sehr beeinflussen. Aber das wird nicht passieren, weil dafür steckt man manchmal schon zu tief drin seinen eingefahrenen Pfaden. Das ist so, bei vielen Leuten, die von anderen negative Erlebnisse berichtet kriegen und die dann zu ihren eigenen machen. Das wäre so schön, wenn man da offen an diese Geschichte rangeht. Wir pflegen ja auch eine Erinnerungskultur an eine deutsche Vergangenheit, wo es Gedenkstätten und so was gibt. Und ich denke mal, die Leute, die hier herkommen, haben ähnliche Geschichten erlebt, wie sie hier an der Tagesordnung waren, seien es zum Beispiel ethnische Minderheiten, die dann fliehen. Diese Leute dann mit diesen paar vereinzelten Straftätern auf eine Stufe zu stellen, denke ich mal, ist ihnen gegenüber nicht fair und auch nicht richtig. Das wäre so was, was für die Zukunft schön wäre, wenn man das abgestellt kriegen würde. Wobei ich dafür auch keine Lösung habe, wie man so was vermittelt.

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSJ oder des BAFzA dar. Für inhaltiche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.