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Die Buslinie G an der Haltestelle Zentrum. Im Mai 2024 wurde laut Freiem Wort eine Einigung zwischen Land Thüringen und Stadt Suhl erzielt, dass rückwirkend ab 1. Januar 2024 die Kosten für Security-Personal auf der Linie übernommen würden. »Gleichwohl wolle man die Forderung zur Übernahme der von 2021 bis 2023 bereits aufgelaufenen Security-Kosten von gut 250 000 Euro weiter aufrechterhalten, kündigt CDU-Stadtrat Lars Jähne an.«

»Bei uns im Arbeitsalltag fehlt einfach die Zeit, dass man mal sagt: Ich guck mal hin und unterhalte mich mit jemandem.«

Gespräch mit Doreen Fischer, Lokal-Redakteurin bei »Freies Wort« in Suhl

Lena Was machst du beruflich?

Doreen  Ich bin Lokal-Redakteurin beim »Freien Wort« in Suhl. Den Job mache ich seit 1994. Eigentlich bin ich gelernte Finanz-Ökonomin. Aber wie das Leben so ist, die Wende kam und dann ist alles neu geworden. Und so bin ich dann zur Zeitung gekommen. Und das macht unheimlich viel Spaß.

Lena Wie bist du nach Suhl gekommen?

Doreen  Ich bin richtiger Ur-Suhler. Und ich fühle mich hier auch wohl, weil man kennt hier viele Leute, weil es so klein ist. Man hat einmal mit jemanden zu tun und dann geht man in die Innenstadt und trifft die Leute wieder, kann ein Pläuschchen halten. Ich wohne jetzt nicht mehr in Suhl. Mich hat es auf’s Land verschlagen. Aber ich freue mich jeden Tag, wenn ich nach Suhl komme, wenn ich über die Stadtgrenze fahre – das ist meine Stadt.

Lena Was sind deine Berührungspunkte mit der EAE?

Doreen  Die ersten Berührungspunkte mit der EAE hatte ich dienstlich. Ich weiß gar nicht mehr, um was es da genau ging. Es waren inzwischen so viele Sachen, da verschwimmt das miteinander. Aber ich denke, das war damals sicherlich ein Feuerwehr- oder Polizeieinsatz. 

Mein Chef, der Georg Vater, der hatte eine erste Begegnung, die war wirklich nicht schön. Das habe ich in der Sonntags-Konferenz erfahren. Da ging es drum, dass die Kollegen dort, also Redakteure, Fotografen, selbst Polizei und Feuerwehr, auf der Flucht waren. Da habe ich live miterlebt, wie er das geschildert hat, was er da auch für Ängste ausgestanden hat.

Irgendwann kam das auch mal auf mich zu, dass ich da vor Ort sein sollte bei der EAE. Wobei, so was wie er habe ich nie erlebt und da bin ich auch froh.

Lena Was war das konkret?

Doreen  Ich denke, da ging es um die Verbrennung von einem Koran und da ging es wirklich hart zur Sache mit Eisenstangen. Ich kann es jetzt wirklich nicht mehr genau beschreiben. Wie gesagt, ich habe das damals nur gehört. Die Leute hatten gesagt: »Ich hatte Angst um mein Leben.«

Lena Als du vor Ort warst, was hast du erfahren?

Doreen  Man erfährt, dass in der Woche mehrmals die Brandmelde-Anlage mutwillig ausgelöst wird. Langweilen sich die Bewohner? Ich weiß es wirklich nicht. Oder gibt es einzelne Bewohner, die der Meinung sind, sie müssen einfach ein bisschen Spaß haben? Denn die Masse der Bewohner, die verhält sich so, wie wir das wahrscheinlich auch machen würden, wenn wir irgendwo anders hin kämen. Aber es sind immer einzelne dabei, die zeichnen ein Bild, was dann in den Köpfen der Menschen ist; dass die Menschen denken die begehen mehr Verbrechen als wir. Das ist das Schlimme daran.

Was sonst noch passiert: Es werden Matratzen angezündet, da brennen dann ganze Zimmer aus. Dann muss das ganze Gebäude evakuiert werden. Es gibt Schlägereien und Messerstechereien untereinander. Das sind so Sachen, die sind schon heftig. Auf der anderen Seite sehe ich dann auch die Bewohner, wie die untergebracht sind und das wünscht sich wahrscheinlich keiner von uns. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe auch in einem Fall darüber berichtet, wie die Zustände in den Gebäuden sind, dass in den Küchen und Badräumen Schimmel war. Das war auch länger bekannt, dass es auch teilweise sehr schmutzig war. Und das Schlimme, dass sich in einem Gebäude Kakerlaken ausgebreitet hatten, aber nicht nur mal zwei oder drei, sondern die sind sogar tagsüber rausgekommen.

Und ich denke, da hat der Artikel, den ich darauf hin geschrieben habe, einiges ausgelöst. Innenminister Maier hat sich sofort gemeldet. Der kam am selben Tag persönlich in die Redaktion, wollte mit mir darüber sprechen. Ich kann ihm aber auch nur das sagen, was tatsächlich so ist. Ich kann es nicht schönreden, ich kann es auch nicht schönschreiben. Es ist Tatsache.

Lena Was hat das mit dir gemacht, als du die hygienischen Zustände, die Zimmer, so vorgefunden hast?

Doreen  Dazu muss ich sagen, wir selber haben eigentlich so gut wie gar keine Chance in die EAE zu kommen. Es ist wirklich fast aussichtslos, dort reinzukommen. ich war immer nur dort, wenn Einsätze waren, und bin dann bis zum Eingang gekommen. Mal ein paar Meter dahinter noch. Dann hat die Polizei mich immer abgefangen. Man arbeitet dann mit Fotos und Informationen, die einem zugespielt werden, sichert sich dann auf anderen Wegen noch mal ab, holt sich weitere Informationen. Wobei, nicht jeder der dort arbeitet spricht darüber, weil er auch irgendwo Angst um seinen Arbeitsplatz hat, sei es jetzt Reinigungskraft oder Sicherheitspersonal, oder, oder. Keiner möchte das im Zusammenhang mit seinem eigenen Namen genannt haben und da ist es ziemlich schwierig an die Informationen kommen. Aber wenn man sie hat und man hat sie nach zwei Seiten abgeklopft, ob das denn tatsächlich den Tatsachen entspricht, dann kommt man raus mit der Information, weil wie sollen sich denn die Bewohner wehren? Ich meine, die Mitarbeiter wissen, dass die Zustände sind, wie sie sind. Aber wie sollen sich die Bewohner noch wehren? Eigentlich gibt es nur die Chance, dass das öffentlich gemacht wird.

»Ich meine, die Mitarbeiter wissen, dass die Zustände sind, wie sie sind. Aber wie sollen sich die Bewohner noch wehren? Eigentlich gibt es nur die Chance, dass das öffentlich gemacht wird.«

Lena Was geht da in dir vor, wenn du dir vorstellst, wie es dort ist, und ja auch genauer Bescheid weißt?

Doreen  Das ist schon deprimierend. Reden wir mal über’s Essen. Du kriegst Fotos und siehst, was die für Essen bekommen. Und da sage ich mir: »Ich kann es nicht essen.« Ich kann es nicht essen. Also allein anhand der Fotos, da habe ich es noch nicht gerochen. Es ist wirklich nur dieses Bild. 

Die nehmen dann ihr Taschengeld, gehen in die Stadt und kaufen sich was zu essen. Dadurch, dass sie nicht ausreichend Kühlschränke haben, hängen die dann Beutel aus dem Fenster raus. Das ist quasi ihr Kühlschrank. Und kühlen dann dort so lang, wie es eine kalte Jahreszeit ist. Im Sommer funktioniert es nicht. Und dann frage ich mich: Das ist doch eigentlich klar, dass dann irgendwo Ungeziefer kommt. Warum passiert da nichts?

Also das Gesundheitsamt der Stadt Suhl, das weiß ich, die haben sich sehr engagiert, die haben auch sehr oft Kontrollen durchgeführt, haben das alles protokolliert, haben diese Informationen alle nach Weimar, ins Landesverwaltungsamt geschickt. Und es ist lange Zeit nichts passiert.

Lena Über die EAE gibt es in der Stadt eine Debatte. Wie nimmst du die wahr?

Doreen  Eine Zeit lang war die Debatte ganz, ganz hart. Das war die Zeit, als die Anlage komplett überbelegt war und Ströme von vor allem jungen, dunkelhäutigen Männern, alleinstehenden, dass die in die Stadt runter gelaufen sind. Sie sind dann auch in Häuser eingebrochen, haben Diebstähle begangen, haben Autoscheiben zerschlagen und aus den Autos Sachen mitgehen lassen. Da war natürlich die Diskussion am Kochen in der Innenstadt. Da gab es auch Diskussionsrunden mit den Bürgern, mit Polizei, mit Feuerwehr und mit dem damaligen Einrichtungsleiter, weil man irgendwo gesucht hat: Wie kann man das ändern? Also das ging damals wirklich sehr haarig zu. Inzwischen, würde ich sagen, ist die Stimmung nicht mehr ganz so aufgeheizt. Man merkt, es ist auch nur noch ungefähr die Hälfte der Bewohner von damals da. Das hat es irgendwo entspannt, das Ganze. Und trotzdem habe ich das Gefühl, sind die Leute froh, wenn die Einrichtung hier verschwindet.

Lena Wenn es eine Debatte gibt, wie bringst du dich ein, wenn du das mitbekommst?

Doreen  Das sind meist öffentliche Veranstaltungen, Bürgerversammlungen zum
Beispiel, Einwohnerversammlungen. Da sitzt man dann im Publikum und ist stiller Beobachter und schreibt mit. Und das wird dann veröffentlicht, egal was für Meinungen da aufeinanderprallen. Weil das ist die Realität, das ist das Leben. Da gibt es nichts schön zu schreiben dran.

Lena Was macht das mit dir, wenn dort so eine aufgeheizte Stimmung ist?

Doreen  Ich glaube, in dem Moment, wenn du dort bist und mitschreibst, dann bist du sowieso in einer anderen Welt, wird dir sicherlich genauso gehen. Wenn du vor Ort irgendwas live erlebst, dann erlebst du es sicherlich anders als derjenige, der direkt an der Sache beteiligt ist. Für mich ist erst mal wichtig, die Informationen, die auf mich einströmen, alle festzuhalten, um die im Nachgang sacken zu lassen und dann zu Papier zu bringen. Die Informationen sind für mich erst mal vordergründig. Die Gefühle sind ja sowieso dann da.

Lena In so einem Moment des Nachgangs, wie geht es dir da?

Doreen  Man kann sich auch in manche Sachen reinversetzen. Ich einem Fall in Suhl-Neundorf, da ist in ein Haus sieben Mal eingebrochen worden. Und diese Veranstaltung, wo der Hausbesitzer das erzählt hat, die hat in der Kirche stattgefunden. Das ist so widersprüchlich irgendwo. Du bist auf der einen Seite in der Kirche und auf der anderen Seite wird dann sowas erzählt. Die haben Angst. Und diese Angst, die kann man ja dann nachempfinden. Also ich möchte da nicht wohnen, muss ich ganz ehrlich sagen. Da hätte ich auch Angst. Wann passiert es das nächste Mal wieder oder was muss ich machen, damit keiner mehr zu mir kommt? Diese Angst möchten wir ja alle nicht haben. 

Lena Soweit ich weiß, hat sich das mit den Einbrüchen gelegt.

Doreen Ja. Die Polizei hat dann wirklich extrem reagiert; War gut, wie die reagiert haben. Und wie gesagt, die Bewohner-Zahl ist extrem zurückgegangen und damit ist auch dieses Gewaltpotenzial extrem rückläufig gewesen.

Lena Wie wählst du aus, worüber du im Kontext der EAE berichtest?

Doreen  Wir können sowieso nicht über jeden Feuerwehreinsatz schreiben. Wir hatten ja Zeiten gehabt, da sind die fast jeden Tag oben gewesen, da kannst du nicht jeden Tag drüber schreiben, ist klar. Aber wenn die Feuerwehr noch nachordert, weil schon eine schwarze Rauchwolke am Himmel zu sehen ist, da fährt man natürlich hin und schreibt drüber. Oder wenn man erfährt, da ist wahrscheinlich ein Drogen-Paket angekommen. Das sind so spannende Momente, da geht man hin. Ansonsten trifft man sich halt mit Leuten, die Informationen zur Verfügung stellen können.

Lena Wie geht es dir in der Berichterstattung rund um die EAE beim Schreiben?

Doreen  Das schreibt sich eigentlich relativ schnell weg, weil diejenigen, mit denen man spricht, die melden sich ja nicht ohne Grund. Die haben so viel erlebt und irgendwann sagen sie: »So, jetzt muss das einfach mal an die Öffentlichkeit kommen, damit sich was bewegt.«. Das heißt, die kommen schon mit vielen Emotionen und entsprechend lässt sich so was natürlich relativ zügig zu Papier bringen.

Lena Du hast schon gesagt, mit wem du bisher gesprochen hast: Mit Anwohnern und Anwohnerinnen, mit Feuerwehrleuten, der Polizei, mit Betroffenen, bei denen Einbrüche stattgefunden haben und mit Mitarbeitenden in der EAE. Wie sieht es mit den Menschen aus, die in der EAE wohnen? 

Doreen  Das würde mich mal reizen, mit denen einfach auch mal zu sprechen. Da ist natürlich das Problem: einfach die auf der Straße ansprechen, das möchte ich nicht. Müsste ich mich mal beschäftigen mit der Frage: »Warum nicht?« Aber in der Einrichtung würde ich das schon ganz gerne mal tun. Einfach, um mal ihren eigenen Standpunkt zu sehen. Warum sind sie überhaupt fort? Was für Erwartungen hatten sie, als sie hierher gekommen sind? Haben Sie gedacht, dass sie in so einer Einrichtung untergebracht werden? Und wie ist das Leben für die? Das würde mich schon mal interessieren. Also, Georg Maier hat mir mehrfach versprochen, er nimmt mich mit in die Einrichtung. Ich warte immer noch darauf, dass er sein Versprechen einlöst.

Bei uns im Arbeitsalltag fehlt einfach die Zeit, dass man mal sagt: »Ich guck mal hin und unterhalte mich mit jemandem.« Die Zeit haben wir nicht. Das ist in der Branche so! Du bist eigentlich am Rennen und arbeitest deine Sachen ab und versuchst immer jedem gerecht zu werden. Schafft man nicht immer. Wie auch.

Lena Es gibt ja auch die Teestube. Hast du da nicht auch darüber berichtet?

Doreen  Die Volontärin war dort und hat den Artikel geschrieben.

Lena Ein kleines Gedankenexperiment: Wie würdest du darüber berichten, wenn dich keiner anrufen würde und du keine Polizeimeldung bekommen würdest?

Doreen  Wahrscheinlich gar nicht, weil wie berichte ich über meinen Nachbarn, der nie auffällig wird? Warum soll ich über den was berichten? Und wenn von dort keine Information kommt, keine negative, keine positive, also überhaupt keine, warum soll ich dann darüber berichten?

Lena Was bekommst du für positive Informationen?

Doreen  Eine positive Information ist, dass ein Gebäude jetzt auf jeden Fall soweit hergerichtet wird, dass es lebenswert da drinnen ist. Also für die Zeit, die man dort untergebracht ist. Das finde ich schon mal positiv, dass sich da was bewegt hat; dass die Zahlen der Bewohner zurückgegangen sind, dass die nicht mehr so eng aufeinander sitzen. Und positiv empfinde ich auch die Initiative, die sich so sehr einbringt. Es müssten halt mehr Möglichkeiten sein, dass die Bewohner beschäftigt werden.

Lena Wie schätzt du das ein, wie wichtig sind deine Berichte für die Leser und Leserinnen in Suhl?

Doreen  Wir sehen es ja anhand unserer Zahlen, wenn wir im Internet solche Artikel veröffentlichen. Die Artikel, die schießen natürlich sofort in die Höhe, die werden von den Lesern ganz extrem angenommen. Egal in welche Richtung wir da berichten. In dem Moment, wo Erstaufnahme davorsteht, werden die Artikel angenommen.

»Wir sehen es ja anhand unserer Zahlen, wenn wir im Internet solche Artikel veröffentlichen. Die Artikel, die schießen natürlich sofort in die Höhe, die werden von den Lesern ganz extrem angenommen.«

Lena Wie du schon gesagt hast, im Zweifelsfall sind es wenige, die die Schlagzeilen machen. Die Leidtragenden, sind die, die nachts raus müssen, wie bei dem Matratzen-Brand.

Doreen  Nicht nur dann, auch wenn nachts die Brandmelde-Anlage ausgelöst wird, sind jedes Mal alle mitbetroffen: Diese Sirene geht im Gebäude los, jeder ist munter, jeder muss raus aus dem Gebäude. Die Anwohner sind dort betroffen, weil vom Geräusch-Faktor her kann man es nicht ausblenden. Es gibt Bewohner, die direkt unterhalb wohnen, die sagen, sie hören die Sirene in ihren Schlafzimmern. Deswegen haben die schon Wohnzimmer gegen Schlafzimmer getauscht.

Lena Was denkst du, wie die Leute, die in der EAE wohnen, sich in Suhl fühlen?

Doreen  Ich glaube, die fühlen sich entwurzelt. Die kommen hierher in ein fremdes Land, in so ein Vier-Bett-Zimmer, werden da untergebracht, kennen die Sprache nicht und sie spüren ja auch, dass die Suhler sie nicht mit offenen Armen empfangen. Mir ist es einmal so gegangen, ich bin in ein Geschäft reingekommen und von den Bewohnern waren augenscheinlich drei da, offensichtlich waren die ganz neu. Und der eine sagte dann: »Hallo Deutsche, hallo Deutsche!« So richtig überschwänglich und jeder guckte ihn nur von der Seite an, so nach dem Motto: »Was will der jetzt von uns?« Die merken schon, dass die Leute nicht sagen: »Hallo Gast, du bist hier.« Ich möchte nicht in ihrer Situation sein. Das ist sicherlich eine Ausnahmesituation, wo man sich nicht wohl fühlt.

»Wenn ich jetzt noch sehe, wie Ost und West immer noch nicht auf einer Linie sind. Mit den Flüchtlingen zusammenzuleben, als wenn es normaler Alltag wäre … es braucht einfach Zeit.«

Lena Wie könnte Menschen in Suhl eine neue Perspektive auf die EAE eröffnet werden?

Doreen  Ich denke mal, es müsste mehr Öffentlichkeit stattfinden. Das heißt, dass ich auch den Bewohnern von Suhl einfach die Möglichkeit gebe: »Hier, schau dir das mal selber an.«. Die Leute wissen’s nicht, weil sie nicht reinkommen. Die haben nie gesehen, wie so ein Zimmer aussieht, in dem vier Mann »hausen«, sage ich jetzt mal. Oder was die zum Beispiel zu essen vorgesetzt bekommen. Das hat kein Suhler, der jetzt nicht oben dienstlich zu tun hat oder sich ehrenamtlich engagiert, je gesehen. Und das wäre in meinen Augen ganz wichtig. Ich würde auch gern reingehen und es mir anschauen.

Lena Hast du eine Idee, wie aktuelle Konflikte besser geregelt, kommuniziert werden könnten?

Doreen  Im Moment habe ich so das Gefühl, dass die Konflikte relativ wenig sind, dass Mitarbeiter und die Sicherheitskräfte eigentlich ihr Bestes tun. Ich habe auch das Gefühl, dass auch von der Politik im Moment der Fokus darauf liegt, eine Entlastung zu schaffen. Seit der Innenminister das in die Hand genommen hat, merkt man, da bewegt sich was. Er hat sich dafür stark gemacht, dass ein Gebäude saniert wird. Wenn das abgeschlossen ist, wird er das nächste in Angriff nehmen. Er hat in der Innenstadt mit den Händlern geredet, wegen der Diebstähle in den Läden. Und er kümmert sich auch darum, dass die Anzahl an Bewohnern nicht mehr so extrem hoch ist. Im Moment arbeitet er extrem daran, dass die Einrichtung komplett verschwindet. Ob es klappt, werden wir sehen. Dann passiert das, was in anderen Städten auch passiert: Flüchtlinge werden auf die Stadt verteilt und in den Wohngebieten untergebracht, nicht mehr in so einer Einrichtung. Das müssen die Suhler auch verinnerlichen, dass sie dann möglicherweise mehr Nachbarn ausländischer Herkunft haben als sie sich das je erträumt haben. Das ist die Alternative zu der Einrichtung. Ich glaube das ist vielen nicht bewusst.

Lena Wenn du dir ein gutes Zusammenleben der Menschen in Suhl vorstellst, einfach so als Vision, wie würde das aussehen?

Doreen  Schwierig. Ich glaube, das braucht einfach Zeit. Wenn ich an die Wende denke, wie lange das gebraucht hat?! Wenn ich jetzt noch sehe, wie Ost und West immer noch nicht auf einer Linie sind. Mit den Flüchtlingen zusammenzuleben, als wenn es normaler Alltag wäre … es braucht einfach Zeit. Nicht jeder hat Verständnis dafür. So war das damals auch vor über 30 Jahren zur Wende. So viel kann man da wahrscheinlich nicht machen. Man kann Angebote bringen, gemeinsame Veranstaltungen. Aber letztendlich gehen ja da auch nur diejenigen hin, die eh schon Verständnis haben. Alle anderen bleiben links und rechts liegen. In anderen Städten sieht man ja, dass es funktioniert. Ich bin ziemlich oft in Darmstadt: Wenn ich in der Innenstadt bin, sehe ich, wie multikulti es dort zugeht. Das ist ganz normal. Das ist hier im Moment nicht vorstellbar.

Lena Was wünschst du dir noch hier in Suhl für die EAE?

Doreen  Ich wünsche mir, dass es so ruhig bleibt, wie es im Moment ist. Ich würde mir auch wünschen, dass mehr Kontakte entstehen und dass Ängste nicht mehr so präsent sind.

Ich habe mir vor kurzem von jemanden sagen lassen: »Fahr mal mit der Buslinie, die zum Friedberg führt, von der Innenstadt auf den Friedberg, abends.« Ich meine, da fährt ja auch ein Sicherheitsdienst mit. »Tu das mal, du machst das nur einmal.«. Und da sage ich mir, da sind wahrscheinlich auch viele Ängste da. Ob die begründet sind oder nicht, das weiß ich nicht, bin noch nicht mitgefahren. Ich möchte es auch nicht.

Lena Ich bin schon mehrmals mitgefahren. Für mich ist es eine ganz normale Busfahrt. Ich glaube es gibt wirklich ganz viele Ängste.

Was wünscht du dir noch für Suhl?

Doreen Ich würde mir für Suhl wünschen, dass es ein bisschen jünger wird, weil Suhl ist ja die älteste Stadt Deutschlands. Wenn es keine EAE mehr gibt und in den Wohngebieten dann relativ viele junge ausländische Mitbürger wohnen, vielleicht wird Suhl wieder ein bisschen jünger?

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